Der Gröfaz

Nazi-Yoga

In seinem Heft „Hitler als Feldherr“ (Military Government Information Control License US E 273), das ich in Kalweits Nachlaß fand, versuchte Franz Halder (1884-1972), von 1938-1942 Chef des Generalstabes, den Mythos über Hitler als „Gröfaz“ (= „Größter Feldherr aller Zeiten“, Keitel) zu entnebeln. In der 1949 in München veröffentlichten Abhandlung weist Halder nach, daß Hitler nur eine Größe zeigte, „die sein Leben beherrschte und der seine dämonische Kraft alles geopfert hat: sein eigenes Ich, das er als buchstäbliche Verkörperung an die Stelle des Volkes gestellt hatte, dem er einst zu dienen gelobt hatte“. Dieser Dämon, der nie an vorderster Front erschien, benötigte zumindest Gefolgsleute, ohne die er nichts bewirken konnte. Ihm zu widerstehen war lebensgefährlich – wie Halders Biographie zeigt.
Daß Hitler überfordert war in seinem maßlosen Eigenanspruch, veranschaulicht Halder u.a. an der operativen Verwendung des Panzers. Nicht nur hier pendelte Hitler zwischen Zaghaftigkeit und übersteigertem Wahn. Während er einerseits 1940 den völligen Sieg über die englischen Truppen in Dünkirchen verschenkte, in dem er die Panzer sogar gegen den Befehl der Heeresleitung mit der Begründung zurückrief, Panzer eigneten sich nicht für wasserreiches Gelände, schickte er sie, der sich selbst als den einzigen wirklichen Artilleristen des Heeres bezeichnete, 1941 trotz aller Warnungen in die Sümpfe Rußlands.
Seine Freude am überdimensionalen Bauen ließ ihn sich in das Projekt des Atlantik-Walls verrennen, der der Invasion im Jahre 1944 keinen nennenswerten Widerstand geboten hat. Dies ein Mythos der Allierten, die aus bequemer Position heraus die unvollständigen Befestigungen mit Schiffsgeschützen zerlegen konnten.
Als der Zusammenbruch abzusehen und die Luftherrschaft bereits verloren war, erinnerte sich Hitler der „Wunderwaffe“, die schon seit 1937 in der Entwicklung war. Als er dagegen 1939 auf die neuen Raketen aufmerksam gemacht wurde, verbot er die Fortsetzung des Projekts, weil es nicht seine Idee war. 2 entscheidende Jahre gingen verloren, bis er die neue Waffe als „seinen“ Genie-Streich mit allen Mitteln zu fördern begann. Dabei durfte dann auch der spätere Bundespräsident Heinrich Lübke helfen.
1938 ernannte er sich aus eigener Machtvollkommenheit zum Obersten Militärischen Führer Deutschlands, schon weil er den Generälen mißtraute, die ihn frühzeitig darauf hingewiesen haben, daß ein 2-Fronten-Krieg nicht zu gewinnen war. Über das geheime Abkommen zwischen Hitler und Stalin bezüglich der Teilung Polens war nicht einmal die Heeresleitung informiert. Ebenso erschien es von vornherein unmöglich, England in Nordafrika entscheidend zu schlagen.
Ein Mythos der Gegner ist der vom „Überfall auf die friedliebende Sowjetunion“. Tatsächlich zog Rußland in den baltischen Ländern immer stärkere Truppen-Verbände zusammen, und an der deutsch-russischen Grenze standen über 1 Million russischer Soldaten in Kriegsformation wenigen überdehnten deutschen Sicherungsverbänden gegenüber. Hier war lediglich die Frage, wer zuerst die Initiative ergreifen würde, und es war das einzige taktische Geschick Hitlers, es zuerst zu tun. Es fehlte ihm jedoch das Rüstzeug zur Lösung militärischer Fragen, was aber auch nicht das Problem lösen konnte, daß sich die Frontlinie bei einem weiteren Vordringen in Rußland gegenüber der der Ausgangsbasis verdoppelte. Den Mangel an Fachgelehrsamkeit ersetzte Hitler durch den Glauben an die Unfehlbarkeit seines Verstandes und seine ausreichende Kriegserfahrung als Frontkämpfer des 1.Weltkriegs. So rechnete er nicht mit dem Eingreifen Englands und Frankreichs und glaubte für den Rußland-Feldzug ohne Winter-Ausrüstung auskommen zu können. Der schnelle Anfangs-Erfolg blendete kurzzeitig auch seine Gegner.
Tagebucheintrag Halders vom 3.7.1941: „Es ist wohl also nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß der Feldzug gegen Rußland innerhalb 14 Tagen gewonnen wurde. Natürlich ist er damit noch nicht beendet. Die Weite des Raumes und die Hartnäckigkeit des mit allen Mitteln geführten Widerstandes wird uns noch viele Wochen beanspruchen.“
11.8.1941: „In der gesamten Lage hebt sich immer deutlicher ab, daß der Koloß Rußland, der sich bewußt auf den Krieg vorbereitet hat, mit der ganzen Hemmungslosigkeit, die totalitären Staaten eigen ist, von uns unterschätzt worden ist.“
Nach dem überschätzten Sieg in Kiew ließ Hitler verkünden, der Russe sei endgültig geschlagen. In verbissener Anstrengung versteifte er sich danach auf das ideologische Ziel Stalingrad, anstatt auf das greifbare und bedeutendere Ziel Moskau. Als die Divisionen bei unter 40˚ steckenblieben und ausbluteten, erschienen bestens mit Pelzen ausgerüstete SS-Verbände, von deren Existenz die Heeresleitung ebenfalls nichts wußte. Anstatt sie in die reduzierten Verbände einzugliedern, operierten sie mit parallelen Befehlssträngen und verstärkten die allgemeine Konfusion an der Ostfront. Der Führer könne sich nicht irren, so Keitel, und wer ihm die überwältigenden Zahlen der russischen Panzer-Produktion vorhielt, auf den ging er mit geballten Fäusten und Schaum in den Mundwinkeln los. Als Halder vor einem Desaster in Stalingrad warnte, wurde er entlassen. So gingen Millionen deutsche Soldaten in russische Gefangenschaft, von denen viele zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Abrechnung Halders dort noch schmachteten.
Schon Ende 1943 war der Krieg militärisch eindeutig verloren, und es war außer den überreichlichen Vorräten in Hitlers Hochburg auf dem Obersalzberg nichts mehr vorhanden, was das tragische Schicksal Deutschlands noch abwenden konnte. Am Untergang des Individuums hatte Hitler kein Interesse, weil es sich seiner Größe als nicht würdig erwiesen hatte. Schon frühzeitig zu Beginn des Krieges hatte Hitler verkündet, daß ein Deutschland, das nicht siegen konnte, ausgelöscht werden sollte.

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