Kampf um’s Grab

Grab-Christoph-Dobat-27

Um dem, der mehr geerbt hat als man selbst, zu verdeutlichen, er habe das nicht verdient, eignet sich am besten, ihm vorzuwerfen, er kümmere sich nicht um das Grab. Mein Vater, Haupterbe und Testamentsvollstrecker, wurde von seiner Schwester Lina Becker, geb. Dobat (nur Miterbin) deswegen hart gerügt, nachdem er ihr verweigert hatte, mit in das Haus der Kalweits einzuziehen:

Kaiserslautern d. 11.1.73

Lieber Hans!
Weil mir der Gedanke an Kalweits Grabstätte keine Ruhe läßt, muß ich heute an Dich schreiben. Bei unserem Aufenthalt in Hannover besuchten wir zum Jahresende auch ihr Grab. Leider muß ich sagen, daß ich nicht nur erschüttert sondern als Miterbin auch beschämt über den Zustand des Grabes war.
Ich weiß zwar nicht, ob Du die Pflege des Grabes selbst ausführst – Du hattest diese Absicht s.Zt. uns gegenüber zum Ausdruck gebracht – oder ob Du die Grabpflege einem Gärtner übertragen hast. Ich kann es mir aber schwer vorstellen, daß ein Gärtner die ihm zur Pflege übertragene Grabstätte über Winter in einem derartigen Zustand liegen läßt. Es sei denn, er ist sicher, daß niemand seine Leistungen überwacht. Auf dem ganzen Feld war Kalweits das einzige ungepflegte Grab. Während alle anderen Gräber mit Tannen sinnvoll abgedeckt und mit Gebinde oder Erikatöpfe geschmückt waren, ragten hier als Schmuck die vertrockneten nicht entfernten Blüten der Hortensien empor und einsam das vertrocknete Erikatöpfchen, das Gerda + Günter anfang November auf das Grab gestellt hatten. Ein Zeichen dafür, daß weder Totensonntag oder zum Weihnachtsfest daran etwas getan wurde wie es allgemein üblich ist und sicher auch unter „ordnungsgemäße Instandhaltung unserer Grabstätten“ von den Verstorbenen verstanden und erwartet wurde.
Leider fehlte in diesem Jahr die zum Fest sehr erwünschte Schneedecke die alles liebevoll zugedeckt hätte.
Wenn immer es mir in den vergangenen Jahren möglich war ihr Grab aufzusuchen, verließ ich traurig über den Zustand des Grabes den Friedhof. Auch eine Reinigung des Steines wäre angebracht um die Ausbreitung des Mooses zu verhindern.
In Deinem Brief v. 31.3.68 kann ich folgendes noch lesen: „Ich fühle mich jedenfalls verpflichtet, das Testament in ihrem Sinn auszuführen.“
Ich bitte Dich, auch in dieser Hinsicht in ihrem Sinne nötige Schritte zu veranlassen.
Ich denke, wir haben den Verstorbenen viel zu danken. Also nichts für ungut!
Es grüßt Dich und die Deinen mit dem Wunsch für ein gutes Jahr 1976
Deine Schwester Lina.

Die neid- und haßerfüllte Art, wie die zahlreiche Verwandtschaft teilweise miteinander umging, hat mich immer damit versöhnt, daß ich als autistisches Einzelkind aufwuchs. Doch dieses Grab verfolgte auch mich:
Als sich mein Vater 1989 kurz nach Vollendung des 76. Lebensjahres totgeärgert hatte, wurde ich Testamentsvollstrecker, seine Witwe dagegen nur Teilerbin. Er wollte verbrannt und im Grab Kalweits beigesetzt werden. Lieber wäre es ihm gewesen, seine Asche in der Ostsee zu versenken, aber das stand nicht im Testament. Als ich die Einäscherung gegen den Willen der Witwe durchgesetzt hatte, kümmerte ich mich um das Grab. Dabei wurde mir verdeutlicht, daß ich im Gegensatz zur Witwe rechtlos war. Nur sie konnte bestimmen, was mit dem Grab geschah und dort auch beerdigt werden. Ich hatte eine Art Zahlvaterschaft. Seine Witwe akzeptierte, daß auf dem Stein nur „Dobat“ eingemeißelt wurde, weil angeblich für den Vornamen „Hans“ kein Platz war. So ist er letztlich weitgehend anonym begraben, was ihm sicher nicht gefallen hätte. Ich reinigte den Stein und bepflanzte das Grab neu. Bei meinem nächsten Besuch mußte ich feststellen, daß alles wieder rausgerissen war. Das war das letzte Mal, daß man mich dort sah. Ich besitze nicht mal ein Foto.

Foto: Grab von Christoph Dobat, 1927, Podszohnen/Ostpreußen

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3 Gedanken zu „Kampf um’s Grab

  1. Mir isses egal, was mit dem aufgebrauchten Körper passiert, wenn ich mich irgendwann totgelacht habe.
    Ich verstreue meine im Rahmen der Häutung (normal bei Nagas) anfallende Asche bereits jetzt vom Marburger Schloß jeden Mittwoch über der Stadt.

  2. Ja, wie verhält sich das denn zum Emissionsschutz-Gesetz? Iss das erlaubt? Und häutest Du Dich wöchentlich?

  3. Das vor 400 Zeugen verkündete Käte-Dinnebier-Gesetz (heilige Ikone der Sozialdemokratie) steht doch ÜBER dem Emmissionsschutzgesetz.
    Und zwar besagt das: ich hätte ein RECHT darauf krank zu sein.
    Also häute ich mich 24 Stunden täglich.

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