Schweiß und Neugeist

Schweiss

Wenn sich das bißchen, was ich beim Auswandern mitgenommen habe, im Zustand der Ordnung befände, hätte ich rechtzeitig bemerkt, daß ich noch einen 8.Brief („Ergänzungsbrief“) von Dr.Lomer besitze, der aber nicht Teil der Mappezur geheimwissenschaftlichen Selbstschulung“ ist. Die nie bewältigte formale Unordnung hat ihre Ursache nich etwa in purer Faulheit. Nö, nö! Sondern das Klima isses. Ich brauch nur an Aufräumen zu DENKEN, dann fange ich schon an zu triefen und zu tropfen. Zeichnen ist ganz unmöglich. Kaum hatte ich Dr. Lomers „Neureligiöse Praxis“ zur Hand, da war sie auch schon naß. Ohne AC und Dr. Willy Loebbells „Müglitzol“ ist handgreifliche Arbeit in den Tropen also nur im Taucheranzug möglich, in dem ich nach kurzer Zeit im eigenen Schweiß ertrinken würde, oder draußen, wo ich nichts mit letzterem verätzen kann.
Doch fahren wir nun fort mit Lomers Phantasien von 1926:

Gott und Gesetz
„Das Zeitalter der stofflichen Blendung geht seinem Ende entgegen. Die weiße Rasse beginnt einzusehen, daß sie in ihrer einseitigen Einstellung auf das äußerlich-mechanistische Weltbild sich in eine Sackgasse verrannt hat – ohne erlösenden Ausweg – in Wirrwarr, Ratlosigkeit, Chaos enden mußte. Die kalte technisch-wirtschaftliche Kultur ist als Versager erkannt. Die Völker können nicht glücklich sein, wenn die Seele hungert … Und verblendet sind jene Narren, die da predigen: Gott sei überflüssig und müsse allein aus dem Jugendunterricht gestrichen werden, sonst könne man die Menschen nicht zu Mündigkeit und Freiheit erziehen. Die Mündigkeit, die sich hieraus praktisch zu ergeben pflegt, gleicht gar zu sehr der ‚Mündigkeit‘ des vor der Zeit entlaufenen Schuljungen, der seine ‚Freiheit‘ in chaotischer, oft recht blutrünstiger Flegelhaftigkeit austobt.“
Erstaunlich ist, wie Lomer – ohne Indonesien zu kennen – zu dem Ergebnis kommt, daß sich eine Gesellschaft nie auf die Länge halten wird, „wenn in ihr Diebstahl, Raub, Betrug – also systematische Verletzung der sozialen Harmonie [bei ständiger Betonung derselben] – stillschweigend geduldet oder gar mit Auszeichnungen und Ehren belohnt werden“.

Was will Gott?
„Die Antwort lautet einfach genug: wir sollen uns sein Wesen und Dasein recht klar immer wieder zum Bewußtsein bringen und uns sodann tätig mit ihm in Verbindung setzen. Zur Bewußtmachung Gottes gehören gewisse zweckdienliche äußere Formen, gewisse rituale handgreifliche Zeichen.“
Vom häuslichen Priestertum
Zwar wirke in Gebet und Betrachtung weniger der einzelne Mensch als vielmehr Gott selbst, doch bedarf es eines Anstoßes, um Gott wieder in den Alltag aufzunehmen. Der Mensch benötige dazu jedoch keinen Popen, sondern er selbst sei der „Hohepriester seines Hauses“, der ein „leicht anwendbares System der Lebensheiligung“ pflege.

Der neue Ahnenkult
„Wer seine höhere Abkunft aus dem Lichte erkannte, kann gar nicht anders, als seine Ahnen ehren … Stelle ein Bild des Verblichenen an einem geeigneten Platze auf weißer Decke auf, etwa in der Zimmernische, im Erker oder dergleichen. Schmücke das Bild mit Grün oder Blumen. Setze an jede Seite ein Licht und entzünde es in abendlicher Stunde. Dann lies mit halblauter Stimme etwa den 90.Psalm … Du kannst Briefe von seiner Hand unter das Bild legen, dann wird Dir seine Gestalt lebendiger werden … Es ist Tatsache, daß durch solcherart vorgenommene feierliche Handlung eine Berührung mit dem in veränderter Form fortlebenden Seelenteil des Abgeschiedenen ermöglicht und herbeigeführt werden kann … Gar nicht so selten treten im Anschluß an Handlungen, wie oben beschrieben, diesbezügliche übersinnliche Wahrnehmungen der einen oder anderen Art auf, wie etwa hellsichtige Erlebnisse, Wahrträume usw.“

Vom Hochamt des Altars
„Um die innere Stille zu erzeugen, in der das große Licht aufleuchten kann, bereite die äußere. Statt selber Kultstätten aufzusuchen, die Dir nichts oder wenig mehr zu geben vermögen, hole den Tempel zu Dir ins Haus und schaffe Dir Deine eigene Stätte! [Jawoll!]
Wesentlich ist stets das über der Anordnung anzubringende Symbol, das Dich lebendig an die Göttliche Allgegenwart mahnt. Hier verfahre mit besonderer Sorgfalt. Das schönste Abbild der erhabenen kosmischen Zentralinstanz, die in und über allem steht, ist die Sonne … Da Du aber willst, daß ‚Christus‘ auch in Dir auferstehen und lebendig werde, so wähle kein Bild des Gekreuzigten, sondern des gen Himmel fahrenden oder verklärten oder auch des segnenden Christus. Auch andere Bilder können denselben Zweck erfüllen. Ich nenne z.B. die schönen Schöpfungen des Maler-Mystikers Fidus-Höppener, die vielfach reine Altarkunst in einem vorgeschrittenen, zukünftigen Sinne sind. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Jede schöne, vertieft gesehene Landschaft, jedes gehaltvollere, an das Gemüt rührende Gemälde kann dasselbe tun, – denn die Menschen sind verschieden und kommen auf verschiedenen Wegen ans Ziel.

von-Ryski-Selbstmord

Ferdinand von Rayski (1806-1890), „Selbstmord des Künstlers“, Kreidezeichnung um 1840

Die Kunst ist jedenfalls eines jener Mittel, die den Menschen am raschesten und leichtesten in Gottes Nähe führen können, wenn sie sich ihr reinen Herzens hingeben. In der Kunst bedient sich Gott zum Schaffen eines Menschen [ICH!] als Mittlers. In der Kunst erreichen wir, selber schaffend, eine Stufe, ganz nahe an Gottes Thron [Aba echt!].
Hier, am Hausaltar, ist nun der Ort, wo Du Dich sammeln und den ‚Weg nach innen‘ betreten sollst. Mach es zu Deiner Gewohnheit, hier jeden Morgen ein paar Minuten zu verweilen. Lies ein paar Verse, sei es aus einem religiösen Dichter, wie Tagore, Rilke, dem reiferen Morgenstern, ja ein Evangelienstück, einen Abschnitt aus der Bhagavad Gita, dem arischen Hohenliede der Unsterblichkeit, oder aus der Edda. Dann geh ‚in die Stille‘, d.h. verharre einige Minuten in völliger Regungslosigkeit des Körpers und laß die Kräfte des Wortes in Dich einströmen. Nimm sie als Schutzkraft mit in den Arbeitstag hinein, ihr Segen wird Dich tragen und Dir helfen.“ Wie z.B. „Die Zirbelkiefer“ vom unreifen Christian Morgenstern:

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
sie Seele säße darin.

Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.

Die Sonnenverehrung
„Der erhabenste Altar, der sich von uns Irdischen denken läßt, ist aber die Anschauung der Sonne selber … So wahr wie wir selber beseelte Geschöpfe sind, deren Wesentliches eben gerade in dieser Beseelung besteht, so wahr ist auch die erhabene Sonne beseelt, … Du hast in früheren Briefen von dem Sinne und der großen Bedeutung des Denkens gehört. Du weißt, der Gedanke ist das starke Kabel, das Dich mit jedem gewünschten Ding, mit jeder erstrebten und ersehnten Kraft magisch verbindet. Wohlauf denn, so wirf dieses Kabel zur Sonne empor, der Sonne entgegen, auf daß es Dir Kraft und Stärke, Gesundheit und Heil vermittle.

Fidus-Musiktempel

Der Sonnentempel („was ich in geheiligten Stunden gesehen“)
Einen ungeheueren Saal mit gleißenden Wänden beschreibt Lomer. 12 erzene Säulen, die astrologischen Sternkreis-Zeichen darstellend, stehen dort im Kreis. Eine tausendköpfige Menge füllt den Saal in tiefem Schweigen. Alle tragen dunkelgelbe Gewänder, und als eine feine, silberne Glocke erklingt, folgen leise anschwellend bis zum Donnerlaut Posaunenchöre und Orgelklänge. Vom erhöhten Podium aus ist die ekstatische Stimme eines Mannes zu hören, dessen weißes Gwand mit einem golden leuchtenden Sonnenkreuz verziert ist. Danach darf inbrünstig gejubelt werden. Dann wieder Stiille, abgelöst von brüllender Yamaha – bis man alle 12 Zeichen durchhat. 12 Mal wird gejubelt. Unterstützend der Gebrauch eines „astrologischen Meditationsringes“ mit 12 farbigen Perlen, der bei gesteigerter Nachfrage für eventuell 4-5Rmk auch von Dr.Lomer produziert würde. Mit diesem Meditationsring setzen sich die Teilnehmer im Kreis – der Leiter in der Mitte – fassen die jeweils angesagte Sternzeichen-Perle mit beiden Händen, und nachdem der Boß die passenden Verse eindringlich vorgesprochen hat, wiederholen die Meditierenden jene in „eintönig-murmelnder Weise“:

Ich schwöre ab die Grabesnacht!
Ich schwöre ab, was elend macht!
Von heut will ich verwandelt sein
Und laß das Leben in mich ein!
Die Gottheit wandelt auf heiligen Füßen,
Der Heiland ist nahe, ich will ihn grüßen!
Auf neuen Füßen eil‘ ich fort
Vom dunklen Ort zum hellen Ort.
Ich grüße Dich, Du helles Licht,
Das mir durch Hals und Adern bricht! [AUTSCH!]
Rechtes Leiden und Sich-Bescheiden
Wird meine Seele in Purpur kleiden!
Genesungsglocken klingen leis,
Mein Leib verlangt nach neuer Speis‘.

„Musiktempel“ (1902) von Fidus (Muschel-Konstruktion in Eisen und Beton, irisierendes Zentrallicht, farbig auf- und abdämmerndes Nischenlicht in den Pausen)

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Ein Gedanke zu „Schweiß und Neugeist

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