Mit Maria im Harz

Fuehrich-Mariae-Gang

Wenn ich mich heute mit dem Gemälde „Mariä Gang übers Gebirge“ beschäftige, so vor allem, um zu verhindern, daβ die Symbole dieses Bildes, die wie alle anthropogenen Kulturisierungs-Prozesse auf die Domestikation des Menschen zielen, im Laien das diffuse Pflichtgefühl erzeugen, bestimmte Werke verehren und schätzen zu müssen oder sich gegenüber einer Botschaft, deren Code er nicht entschlüsseln kann, ratlos und überwältigt zu fühlen. Auch sei jener vor der „Illusion des unmittelbaren Verstehens“ (Pierre Bourdieu, 1930-2002) gewarnt, der als Gegensatz dem „Klassen-Ethnozentrismus“ der Gebildeten gegenübersteht.
Im exakten Mittelpunkt des Bildes befindet sich die Herzgegend der Maria, was – ergänzt durch ihren elegant dünnen Heiligenring – auch denjenigen, wo schwer lernen, sofort verdeutlicht, um was es geht. Um sie herum 3 Form-Gruppen in weiträumiger Landschaft mit Tiefenwirkung. Zum Glück hab ich nur diese schwarz-weiβe Abbildung, so muβ ich nich auch noch über die Farbe rumlabern (Im Wikipedia-Artikel isse möglicherweise falschrum, und wo werd ich mich mit falschrummen Farben aufhalten! Außerdem iss Maria blau wie imma.). Vielmehr will ich mich mit bloβen Formgesetzen ganich lang verzögern, sondern mich sogleich und rüstich auf die Hochebene der Entschlüsselung wagen.
Wir sehen Maria auf einer Wanderung im Harz, in der Ferne einer jener typischen Harzer Vulkane, der Art, an dessen Fuβe auch ich mein Lager aufgeschlagen habe. Ganz eigenwillig die Darstellung dreier fliegender Engel über Maria. Sie schmeiβen mit Blumen, die sie irgendwo auβerhalb des Bildes abgerupft haben. Während der linke sich wegen zu schnellen Fliegens im Geäst eines dicken Baumes verfangen hat – was auch bei Fallschirmspringern vorkommt – hält der rechte noch zusätzlich eine Waffel mit 2 Eiskugeln, die inzwischen ja ganz schön teuer geworden sind, wie ich feststellen muβte, als ich letztes Jahr den Atheisten-Kongreβ in Köln besuchte. Das sich bauschende Gewand des rechten bauscht sich in den bauschenden Wolken des Hintergrundes ebenso wieder, wie sich die scharfen Waagrechten der Engelsflügel-Kanten dort wiederholen. Joseph (Warn die übahaupt verheiratet?), der in ganz untürkischer Auffassung HINTER Maria geht, bückt sich nach den hingeschmissenen Blumen, weil a) sich Dornen an den Rosen (?) befinden könnten (Alle gehen barfuβ, nur Maria trägt ordentlich orthopädische Reform-Sandalen!) oder b) sich vielleicht was Wertvolles in den Blumen befinden könnte, und er c) dadurch nicht den Blick in die Tiefe der Landschaft verstellt (Raffiniert, nich wa!).
In der linken Gruppe sehen wir 4 Bengel der mittleren Engel-Altersgruppe. Eigenartigerweise gips ja kleine, dicke Engel, mittelalterliche und ausgewachsene, aba keine alten Engel wie mich. Doch alle 7 (was ja eine mystische Zahl iss) zeigen deutlich, daβ sie eher mit den Gliederfüßern als mit den Vögeln verwandt sind. Ein Bengel schleudert ein Gefäβ mit rauchendem Hanf in der Gegend herum, die anderen lesen gerade in einem Buch – wegen des ausgeprägten Querformats wahrscheinlich „Mecki bei den 7 Zwergen“.
Wie Arnold Hauser (1892-1978) in „Ziele und Grenzen der Soziologie der Kunst“ feststellte, dient die Kunst „schlieβlich in der Form einer mehr oder weniger offenkundigen Propaganda den Interessen eines Bundes, einer Clique, einer politischen Partei oder einer besonderen Gesellschaftsklasse“. In diesem Falle weist das Dargestellte nicht weiter über sich selbst hinaus, als das eben die übliche katholische Propaganda tut. Deshalb sollten wir vor allem unser Augenmerk darauf richten, was DANACH geschah. Etwas was ja auch in vielen Filmen, die mit einer Hochzeit enden, unterschlagen wird:
Durch die Hanfdämpfe, die aus dem Behälter steigen, den einer der Bengel rumschleudert, werden die über Maria schwebenden Engel so angetörnt, daβ der rechte versehentlich seine Eiswaffel fallen läβt. Jene nimmt Maria vorübergehend die Sicht, so daβ sie mit ihrem linken Fuβ auf eine der Steinplatten tritt, welche wiederum die hinter und teilweise über ihr befindliche in die Luft hebelt. Der Brocken landet auf dem linken Fuβ des schleudernden Bengels, worauf jener schmerzerfüllt das Räuchergefäβ fallen läβt, welches letztendlich den Gewandzipfel des rechten Buchhalters in Brand setzt. Was dann geschah, muβ der Phantasie des Betrachters überlassen bleiben. Joseph Ritter von Führich (1800 Krakau – 1876 Wien), der Maler des Bildes und „Theologe mit dem Stifte“, hat das jedenfalls nich geklärt, sondern es 1841 nur im Format 68 x 51cm gemalt, offensichtlich, um schneller fertich zu werden. Falls es nicht inzwischen jemand als Souvenir mitgenommen hat, befindet es sich immer noch (wie um 1908) im Kunsthistorischen Hofmuseum Wien.

Ich hoffe, mit dieser sorgfältigen Analyse „gewisse neuralgische Faktoren“ (Alphons Silbermann, 1909-2000, in „Empirische Kunstsoziologie“, 1973) in Bewegung gesetzt zu haben, die auβer Anerkennung oder Ablehnung Elemente der Persönlichkeits-Struktur des Betrachters nach vorne bringen, „die von Ekel über Erstaunen bis zu Gelächter reichen können“.

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