Sind wir verrückt?

Halbindianer

Latürnich! Was sonst? Hoffentlich, würde ich sogar behaupten. Bei Robinson Crusoe war das anders. Crusoes Robinsonade war ein Versehen, aber wir haben daraus gelernt. Angeblich 1632 als Sohn eines Bremers geboren, sollte er nach dem Wunsch des Vaters Jurist werden, hatte aber wie ich anderes im Kopf. Als ich 1973 meine Robinsonade begann, gab es schon Leute, die sich ein Leben ohne Strom nicht vorstellen konnten. Wenn ich meinen Schülern auf die Frage: „Haben Sie … gesehen?“ erklärte, ich besäße kein TV, konnte ich das nackte Entsetzen in ihren Gesichtern beobachten. Heutzutage können sich viele ein Leben ohne Handphone wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Millionen Indonesier gucken ständig in diese Kästchen. In der „Pizza Hut“ in Manado setze ich mich immer so, daß ich sehen kann, ob sie dabei die Treppe runterfallen, aber sie fallen nur, weil sie mich plötzlich bemerken. Sonst gehen sie sicher wie die Schlafwandler. Es ist eigenartig, wie sich das menschliche Verhalten durch die neuen Medien verändert. Vor 50 Jahren waren das Schreckens-Visionen.
Autist muß man als Schrat schon sein. Sogenannte Persönlichkeits-Störungen – wenn man eine hat – sind Grundvoraussetzung für ein freies Leben in der Natur. Die Erkenntnis, daß es ein glückliches Leben ohne Lohnsteuerkarte, Krankenkasse, Sozialversicherung und ständige Kommunikation mit anderen gibt, wird einem nicht geschenkt. Selbst wenn man beim Einwohnermeldeamt eine Skizze seiner Erdhöhle vorlegt, wird das nicht ohne weiteres als Wohnsitz anerkannt. Dazu kommt, daß viele Einsiedler vor Ehe, finanziellen Problemen und amtlicher Verfolgung flüchten, also nicht alle reine Naturfreunde sind.

Robinson-Crusoe

Merkwürdig ist, daß man nach einer Weile Leben als Waldschrat das Gefühl bekommt, die moderne Zivilisation sei völlig verrückt, und daß viele da eigentlich rauswollen aber nicht können. Schon weil sie das Alleinsein nicht gelernt haben und nicht ertragen können, obwohl man sein ganzes Leben mit sich selbst allein ist. „In der Einsamkeit glücklicher zu sein als umgeben von Menschen und mitten in den Freuden der Welt“, ist ein Lernprozeß nicht ohne Härte. Zu versuchen, „meinen Zustand mehr von der hellen als von der düsteren Seite aus zu betrachten, mehr zu bedenken, was mich erfreute, als was mir mangelte“, und aus jenen Betrachtungen ein „unbeschreibliches Glücksgefühl“ zu erlangen, ist work in progress.
Auch sollte man sich nicht für unfähig halten, solch ein Leben rein praktisch zu bewältigen, denn jeder Mensch sollte imstande sein, „durch Abwägung und Abmessung jeden Dinges nach der Vernunft sowie durch verständiges Urteil mit der Zeit ein jedes Handwerk zu meistern. Ich hatte mein Lebtag kein Werkzeug in der Hand gehabt und fand gleichwohl, daß ich mit der Zeit, durch Mühe, Fleiß und Findigkeit alles anfertigen konnte, was ich brauchte, vor allem, wenn ich das richtige Werkzeug hatte“. Jenes nahm ich gleich mit, weil es in meinem tropischen Ambiente nicht zu bekommen war. 10 Jahre später gab es in den neu errichteten Baumärkten alles, was ich mühsam exportiert und wofür noch Zoll verlangt worden war. So zahlte auch ich „für alle meine Erfahrungen vorher Lehrgeld“. Vielleicht hatte mein Großvater die Idee von Defoe, abgeschossene Spatzen zum Schutz der Aussat als Abschreckung aufzuhängen. Als ich das in Kalweits Garten tat, beschwerte sich der Nachbar, daß ich seine Kinder schockierte.

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