Doppelt belichtet

doppelt-belichtet

Durch eine elliptische Öffnung in der Bordwand erblickte ich die Bucht von Batavia. Das Beiboot fuhr uns in die Mündung des Ciliwung hinein, um unsere Expeditionsgruppe zur Erforschung biographisch-hermeneutischer Paradigmen in den Tropen beim pasar ikan anzulanden, und dort mischte ich mich unter die Menge.
Hier schenkte ein Eisverkäufer Getränke an einen Wilden in Generalsuniform aus, an einen Oberkellner mit weiβer Jacke und Käppi und an einen im Schlafanzug mit überlangen Ärmeln, der einen Sack trug. Wenn mich auch alle anstarrten, so schien dies doch nichts zu bedeuten.
An einer Stelle des Marktplatzes ballten sich die Menschen in gebührenden Abstand um einen Zauberer, der – mit gestreifter Hose, Fellweste und Stirnband bekleidet – wild herumsprang und dabei ein Haumesser schwang. In der Mitte des Zuschauerkreises befand sich eine bunt bemalte, kleine Kiste.
Zuerst zeigte er den dämlich glotzenden Wilden seine Unempfindlichkeit gegen die Schärfe des peda. Daβ jenes wirklich scharf war, demonstrierte er, indem er einem nahebei stehenden Jungen einige Haare abschnitt. Dann zog er sich das Messer mehrmals durch die nackte Armbeuge, ohne sich dabei den Unterarm abzuschneiden. Aus der Nähe konnte ich feststellen, daβ sein peda statt Schärfe eine 1 bis 2mm breite Kante besaβ, mit der man sich beim besten Willen nicht verletzen konnte.
Rätselhaft blieb mir aber, was dann geschah. Er holte aus einer Tasche winzige Silberpapier-Päckchen, quetschte sie kurz und gab sie einigen Umstehenden in die Hände. Diese grinsten verlegen vor sich hin, um dann die plötzlich heiβ gewordenen Päckchen erschreckt von sich zu werfen.
Die Menge lachte solange, bis der Zauberer die Kiste zu öffnen begann. Vorher lieβ er aber noch Gehilfen reihum gehen und mit Mützen Geld sammeln.
Daβ in der Kistenöffnung ein Pythonkopf erschien, war an sich nicht so erstaunlich, aber daβ der dazu gehörende, etwa 2m lange Körper nicht enden wollte, und sich dies alles aus der kleinen Kiste wand, war schon seltsam. Als das Reptil ganz herausgekrochen war, gab es zuerst einmal unangenehm stinkende Scheiβe von sich, die aussah wie der Inhalt eines rohen Eies. Danach schlingerte es erleichtert mit hochgerecktem Vorderleib in Richtung Zuschauer. Diese wichen entsetzt zurück – ich war froh, auf der entgegengesetzten Seite zu stehen – aber der Zauberer packte die Python blitzschnell hinter dem Kopf, wobei sie gleich das Maul zum Biβ aufklappte. Dann stopfte er sie mit dem Kopf voran in die Kiste, in die sie ihren Körper freiwillig nachzog, um sich wieder in ihre Eremitage einrollen zu können. Dabei drehte sie sich so eng um sich selbst, daβ alles wieder komplett hineinpaβte, und der Gaukler schlug den Deckel zu.

Von Batavia fuhren wir mit der holländischen Staatsbahn Richtung Osten. Der Zug, der von einer, von der Hannoverschen Maschinenbau AG Hanomag gebauten, Heiβdampf-Zwillingslokomotive gezogen wurde, brachte uns in einem Tag Reisezeit nach Yogyakarta, von wo aus wir den Borobudur erreichten, um dort die Rolle des Aufstiegs bei der Veränderung des Erfahrungshorizontes zu studieren.
Zwischen den Trümmern des ersten Umgangs fand ich den weiβ hervorstechenden, mit einem Tropenhelm bedeckten Major Gruber, halb versteckt zwischen Geschlinge aus Brettwurzeln, die sich ins Gemäuer krallten, dieses nach und nach auseinandersprengend. Er saβ auf einem Thonet-Stuhl vor seinem Schreibtisch, beide auf ein Plateau gestellt, zu dem steile Treppen hinaufführten. Die ihn umgebenden Steinreliefs zeigten, neben einigen unschicklichen Liebesszenen, unter anderem ein ins Meer stürzendes Flugzeug, einen Dampfer, der von einem Seeungeheuer angegriffen wurde und einen Raubüberfall auf ein Auto. Hiervon leitete unser Legationssekretär van Rausch später seine Zweifel hinsichtlich der Datierung des Heiligtums ab.
Zwischen Seeungeheuer und Raubüberfall hatte Gruber ein Bild seiner Mutter, eine norddeutsche Landschaft mit Feldweg in Zentralperspektive und eine Schiffsuhr aufgehängt. Der Schreibtisch war mit einem schmalen Bord ausgestattet, auf dem sich ein Tintenfaβhalter aus Korallen befand, in deren Verästelung ein Federhalter abgelegt worden war. Daneben ein winziger Totenkopf aus Meerschaum und eine Opiumpfeife. Gruber saβ bewegungslos vor seinem Tisch und blickte talwärts auf eine Zwergen-Siedlung unter Riesenbäumen, in der sich mehrere Bambusgestelle befanden, wie Turnbarren in den Boden gesteckt. Nichts war dort aus Stein, alles aus den Materialien des Waldes, niemand turnte. Die Hügel waren abgeholzt, verwirrt lagen die Stämme an den Hängen.
Zunächst hatte Gruber noch gedacht, er hätte Platz für eine Kenari-Plantage geschaffen und entschlossen seinen dünnen Karabiner umklammert, als wolle er jeden niederschieβen, der ihn daran hinderte. Dann war der groβe Regen gekommen und hatte ihn, zusammen mit dem Schlamm der Hänge bis nach Semarang gespült.
Der Hafen dort war einst eine idyllische Bucht gewesen, nichts ahnend von den Stahl-Rädern und Kränen, den Pfeilern und Planken aus Eisenholz, den Fässern und Seilen, die dort der Brutalität zum Siege verhelfen würden. Die Stadt, die man später die ‚rote Stadt‘ nannte, weil sie ein Zentrum sozialistischer Aktivitäten im Archipel wurde, verkam zu einer Art Dodge-City mit chinesischen Dächern, mit einem Schlammweg als Hauptstraβe, auf der die Fahrzeuge ihre Spuren hinterlieβen.
Eines Tages ging Gruber frühmorgens Brötchen holen und stieβ in der Warteschlange unversehens auf Pakoe Boewono den IX., der zuerst bedient werden wollte und deshalb seinen Krummsäbel zog. Gruber war schneller und traf mit einem alten Brötchen die holländische Pickelhaube seines Gegners. Nach diesem Vorfall kamen die Oberhäupter der chinesischen Geheimbünde, die den Brötchenhandel kontrollierten und an ihren schwarzen Seidenjacken zu erkennen waren, inkognito in der Bäckerei, dessen Besitzer schwerhörig war, zur Gesamtkonferenz zusammen.
Während Major Gruber, der sich eine neue weiβe Jacke zugelegt hatte, im Holiday Resort, das aussah wie zu Hause, nichtsahnend Golf spielte, barsten die Bretter eines schrägwandigen Minangkabau-Reisspeichers in Westsumatra unter dem Druck seines Inhalts. Dies wurde von den Wilden, zusammen mit dem Ausbruch des Krakataus, der heiβe Dämpfe und Gesteinsbrocken über 400m hoch in die Luft stieβ, als gutes Omen für einen Aufstand gedeutet.
Die Edlen von Lombok rollten ihre Augen und schürzten trotzig die Lippen, nur einer, der gefährlichste von allen, schaute weiterhin scheinbar müde aus, und bestellten den mutigsten Krieger mit Schuhgröβe 45, ohne Schuhe, aber mit deutlich hervortretenden Krampfadern, zu sich. Der Vizeregent von Buleleng, mit seiner blaugelben Sternenjacke, nahm den Fuβ vom Oberschenkel seiner minderjährigen Schirmträgerin und setzte sich eine superschmale Sonnenbrille auf. Ein chinesischer Schlüsselschmied des dortigen kraton steckte seinen hohen englischen Hut auf eine Stange seiner tragbaren Werkstatt und wickelte seinen Zopf mehrmals um den blanken Schädel. Alle erhoben sich.
Es kam zu einer Revolte, an deren Ende die, die noch sitzen konnten, beschämt zu Boden blickten, und die, die das nicht mehr konnten, auf demselben verfaulten. Schlieβlich wurde ambonesischen, manadonesischen und javanischen Polizisten das Strammstehen beigebracht, wofür sie Wickelgamaschen erhielten.

Obwohl so alles verloren ging, für immer verloren und nicht mehr ersetzbar, einschlieβlich mancher Leben, sah ich ab und zu noch Reste jener Zeit wie auf einer Doppelbelichtung. Beispielsweise legte der Priester eines pura in Sangsit nach wie vor die Hand an die Stirn, um seine Augen vor der stechenden Sonne zu beschatten und ins Nichts zu blicken. In der Hauptgeschäftsstraβe Bandungs prüfte ein weiβ gekleideter wilder Familienvater mit zwei spitzen, nach unten durchgebogenen Fingern die Qualität von Fahrradreifen, und in Semarang wurde ein Wagen mit groβen Holzrädern und Bambusdach von einem Pferdchen über die Brücke gezogen, der Kutscher nebenherlaufend. Am anderen Ufer befand sich, direkt an den Fluβ gebaut, ein chinesischer Laden mit der Schildaufschrift: TOKO DOBAT NGO HOK TONG. – Da wuβte ich, daβ ich angekommen war, um nicht wieder wegzugehen. Nie wieder würde mich wegen des andauernden Regens und angesichts der Wasserlachen in meinem Schrebergarten eine gewisse Niedergeschlagenheit befallen, und ich würde mich nie mehr mit der Frage nach dem Realitätsstatus der Gegenwart beschäftigen, sondern nur noch leben.

aus „Unter Hundefressern“, VIII

Advertisements

3 Gedanken zu „Doppelt belichtet

  1. Pingback: Die Lesung | Memoiren eines Waldschrats

  2. Pingback: Paradigmen in den Tropen | Memoiren eines Waldschrats

  3. Pingback: Entenhausener Buddhismus | Flaschenpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s