Die Welträtsel

Ernst-Haeckel

Christoph Kalweits wissenschaftliche Studien basierten u.a. auf den Ergebnissen des Biologen und Professors an der Universität Jena Ernst Haeckel (1834-1919), dessen Bestseller „Die Welträthsel – Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie“ (Preis 1 Mark), mit seinem Nachwort des Glaubensbekenntnisses der Reinen Vernunft, ich in Kalweits Nachlaß fand. Im Vorwort zur 1.Auflage (1899) verabschiedet sich der Autor im 66.Lebensjahre von seinen Lesern damit, daß er hoffe, jenen den Weg der reinen Vernunft-Erkenntnis gezeigt zu haben, der „allein zur Wahrheit führt“. Der Zoologe, Mediziner und Philosoph war konsequenter Verfechter des Darwinismus, dessen Evolutionstheorie er auf seelische Vorgänge und die unbelebte Natur übertrug. Nur die Kenntnis der Naturwissenschaften versetze in die Lage, den gewaltigen Fortschritt der wirklichen Natur-Erkenntnis zu begreifen und anzuwenden. Genau das funktioniere in der Gesellschaft nicht, stattdessen hemmten naive, homotheistische Mythologien immer noch den Fortschritt der sozialen Einrichtungen: „Verglichen mit unseren erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung, bleibt … unsere ganze soziale und moralische Organisation in einem Zustande der Barbarei.“ (Alfred Wallace). Um dies zu erkennen, brauche man nur einen Blick in die Zeitung zu werfen. Dadurch, daß sich der moderne Kulturstaat den kulturfeindlichen Religionen in die Arme werfe, regiere Aberglaube und Verdummung. Deshalb forderte Haeckel konsequent den säkularen Staat und ein ebensolches Ausbildungssystem. Die anthropozentrische und anthropomorphe Gotteskonstruktion, die in der Theosophie sogar „gasförmig“ wird, ohne daß es bisher experimentell gelungen wäre, „Seelen-Schnee“ zu erzeugen, stamme aus einer größenwahnsinnigen Verehrung des menschlichen Organismus, für die es in der Biologie keine Grundlage gäbe. Zwar sei die gesamte Natur „beseelt“, der Mensch darin jedoch nur „ein winziges (!) Plasmakörnchen“. „Die römischen Päpste, die größten Gaukler der Weltgeschichte, waren vor Allem bestrebt, die Menschheit in Unwissenheit zu erhalten, und hielten die Kenntniß des menschlichen Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung über unser wahres Wesen.“ Deutlich sei dagegen unsere Verwandtschaft mit den Schimpansen, während „die hundsköpfigen Papstaffen (Papiomorpha), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen Bildungsstufe“ ständen. Die Konstruktionspläne des Kosmos, die Gott in unserer Zeit besonders Nordamerikanern und Südkoreanern offenbart, sind nach Haeckel eben keine Rätsel sondern alle auf Grund wissenschaftlicher Forschung erklärbar. Dabei ging er von einer ständigen Höherentwicklung des Kosmos aus: „Jeder Fortschritt muß auch den Menschen vervollkommnen.“ Zwar gewinne im permanenten Kampf der Arten eher Macht vor Recht, doch tröste es, „daß es durchschnittlich der vollkommenere und veredeltere Mensch ist, welcher den Sieg über die anderen erringt“. Hier und an anderen Stellen irrte Haeckel leider, denn es ist kein Naturgesetz, daß die Evolution zwangläufig Verbesserung zur Folge hat. Im Vergleich mit dem Menschenaffen (Hylobates syndactylus) auf Sumatra, der vollkommen rein und klangvoll halbe Töne einer ganzen Oktave singt, haben Karaoke und Christentum beim gemeinen Minahasa auf Sulawesi zu einer auffälligen Degeneration der einst schönen Sangeskunst geführt.

Singender-Gibbon

Abb. „Singender Gibbon“ aus Ernst Haeckels „Malayische Reisebriefe“ (1901)

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Ein Gedanke zu „Die Welträtsel

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