Hüpfende Evangelien

Kartentricks

Wie Aberglaube und Verdummung in Staaten die Oberhand haben, die gar nicht unbedingt als Theokratien zu bezeichnen sind, sondern wo Religion als Instrument der Herrschaft benutzt wird, wußte Ernst Haeckel (1834-1919) schon 1899. Seelische Vorgänge waren für ihn durchaus materielle Vorgänge im Gehirn, die jedoch nicht außerhalb des lebendigen Organismus existieren (Thanatismus). Gemüts-Zustände fördern nicht die Erkenntnis der Wahrheit. Philosophen, die empirische Natur-Erkenntnis verschmähen, kennen die wirkliche Welt oft nicht. Der Begriff „Geistes-Wissenschaften“ sei irreführend, auch die Biologie ist eine. Daß ein Wissenschaftler sich als religiös bekenne, ist ja an sich schon ein Hinweis auf vorhandene Bewußtseins-Spaltung. Doch wenn diejenigen, die zur akademischen Erkenntnis in der Lage sind, bewußt zwischen wissenschaftlich begründeter Vernunft und Glauben unterscheiden, so ist das eigentlich ziemlich trostlos. Es ist nicht nur der erotische Chemotropismus von Strudelwürmern, der uns Aufschluß gibt über das, was ist, sondern auch Päpste müssen ihre frühen Kiemenspalten erst umformen. Und in der Geistes-Tätigkeit gibt es zwischen Mensch und Tier nur einen graduellen Unterschied, auch wenn Haeckel noch den alten Begriff „Herrenthier“ für Primates benutzt.
Dagegen ist die „Schwarze Internationale“ (Ecclesia militans) zwar in D auf dem Rückzug, jedoch gerade in Asien eher auf dem Vormarsch. Zumindest ist sie erneut zum Sturm angetreten, den Haeckel in seiner Zeit noch in voller Härte zu spüren bekam. Er wußte nicht nur, „daß die ganze kirchliche Vorstellung vom zukünftigen Leben von jeher und noch jetzt der reinste Materialismus war und ist“, sondern auch – trotz musikalischer Engel – „auf die Dauer unendlich langweilig“, und die „athanistischen Illusionen“ eines verlängerten Erden-Daseins in „verbesserter Auflage“ in himmlischen Gefilden schwer auszurotten sind, solange Staat und Religion nicht getrennt werden. Jener stark anthropomorphe Gott („gasförmiges Wirbelthier“), „dessen übrige Tätigkeit räthselhaft bleibt“, habe auf wunderbare Weise die uns als fehlerbehaftet bekannte Welt geschaffen „und sich dann nie weiter um sie bekümmert … Später erwarb Gott Intelligenz und theilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen intelligenten Kräften, welche die Entwicklung der Organismen bewirken und leiten“. Die Vorstellung, er sei durch „die millionenfach sich kreuzenden Gebete und frommen Wünsche“ in Twitter zu beinflussen, oder er greife ein, in dem er so manchem Blogger einen Partner verschafft, ist absurd.
Dabei beruhe der „katholische Polytheismus“ – den mohammedanischen Monotheisten völlig unverständlich – auch noch auf historischen Fälschungen. Unter den zahlreichen sich widersprechenden und gefälschten Schriften kamen 40 auf dem Konzil von Nicäa, wo Jesus durch einen manipulierten Mehrheitsbeschluß zum Gott gemacht wurde, in die engere Wahl, als kanonische Evangelien dienen zu können. „Da sich die streitenden, boshaft sich schmähenden Bischöfe über die Auswahl nicht einigen konnten, beschloß man, die Auswahl durch ein göttliches Wunder bewirken zu lassen: man legte alle Bücher zusammen unter den Altar und betete, daß die unechten, menschlichen Ursprungs, darunter liegen bleiben möchten, die echten, von Gott selbst eingegebenen dagegen auf den Tisch des Herrn hinaufhüpfen möchten. Und das geschah wirklich!“ So entstanden „Jehovas Gesammelte Werke“ durch wunderbares Springen und reihen sich derart als „Bücherhüpfen“ dem „Tischrücken“ und „Geisterklopfen“ ein. Friedrich der Große, „dieser gekrönte Thanatist und Atheist“, kam „durch das Studium der Geschichte zu der Überzeugung, daß von Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation die ganze Welt wahnsinnig gewesen sei“.
„Unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem Glaubens-Unterschiede entsprungenen noch heute die gehässigsten.“ Durch den Religions-Unterricht in Schulen werde die Vernunft der Kinder „schon frühzeitig von der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt“. Auch spiele der Spiritismus von Schamanen und Medien („meist weiblichen Geschlechts“) immer noch „eine erstaunliche Rolle“. Götter denken, sprechen und handeln, „wie es normaler Weise nur durch die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht“. Christus selbst „stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung“.
Die „Macht der Trägheit, des Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist“, sollte man besonders in geistig unterentwickelten Ländern nicht unterschätzen. Die „Alleinherrschaft über die leichtgläubigen Seelen“ muß behauptet werden – schon um jene weiter materiell ausbeuten zu können: „Pfarrer, welche nur wenig von den befohlenen Glaubens-Formen abweichen, werden abgesetzt; Lehrer, welche die Entwicklungslehre in die Schule einführen wollen, werden ihrer Stellung beraubt. – Wer will von diesen armen ehrlichen Männern verlangen, daß sie ihre Lebensstellung dem Bekenntniß ihrer Weltanschauung opfern? Und was würde durch dieses Martyrium erreicht? Man kann diesen Gewissenszwang, der vielen tausend Trägern der Bildung und Gesittung auferlegt wird, und der in vieler Beziehung demoralisierend wirkt, auf das Tiefste bedauern; allein das läßt sich vorläufig nicht ändern! … Die mächtigste Waffe in diesem neuen Kulturkampfe bleibt die Aufklärung und Bildung des Volkes; kein Weg führt sicherer zu derselben, als derjenige der unbefangenen Natur-Erkenntniß, und vor Allem ihrer jüngsten herrlichen Frucht, der Entwicklungslehre.

Jena, am 2. April 1903    Ernst Haeckel.“

http://www.youtube.com/watch?v=66Dv8ztMUMo

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