Flohmarkt

Slinkachu-Taxi

„Freilich bleibt immer ein Durst, ein mahnendes Gefühl der Leere zurück – die Ahnung, daβ die Tage unfruchtbar verbraucht werden.“ (Ernst Jünger)

Auf dem Flohmarkt am Leineufer in Hannover kaufte ich einst eine kleine Spiel-Kommode aus Holz, die wie ein Waschtisch geschreinert war. In die als Marmor schwarz bemalte Fläche war ein Metall-Becken eingelassen, darüber ein nach oben ausziebarer Spiegel. Der Händler fragte mich, was ich damit anfangen wolle. Ich antwortete, daβ ich gern mal einen ganzen Raum mit Miniatur-Möbeln ausstattete. Da lachte der Mann, und zu seinen Kumpeln gewandt verkündete er, daβ ich wünschte 1 Riese zu sein. Das traf nicht wirklich meine Intention, denn ich probiere einfach manchmal etwas aus, ohne von vornherein zu wissen, welche Wirkung es auf mich haben wird. Schon als ich die Möbel aus meinem Zimmer weitgehend entfernte und meine Matratze auf den Fuβboden legte, womit man sich damals gleich verdächtig machte, stellte sich heraus, daβ der Raum erheblich gröβer wirkte. Da erzählte mir der Händler von einem kleinen Volk, welches in den Mauerfugen des befestigten Leine-Ufers lebe, und daβ er mir eine besondere Erfahrung verschaffen könne. Das machte mich neugierig, weshalb ich ihm 1 klitzekleines, schmales Silberpapier-Päckchen abkaufte, in dem sich 1 nur wenige Millimeter groβes Stück violettes Löschpapier befand, welches angeblich von jenem kleinen Volk stammte. Der Händler berichtete auch, daβ er im Jahre 1967 während der 19.Therapiewoche in Karlsruhe erlebt hätte, wie ein Baseler Pharmakologe namens Dr. B. Lüsärgel die tiefgreifenden psychischen Wirkungen jener Lalat-Substanz rühmte.

Um bei diesem Experiment nicht ganz allein zu sein, schluckte ich das Papier am Abend im Kreis von Bekannten in einem alten Mietshaus in der Nähe der Eilenriede. Alle sahen mich erwartungsvoll an, aber es passierte nichts. Enttäuscht beschloβ ich, mich das Treppenhaus hinab zu begeben und mich etwas auf der Straβe umzusehen. Beim Hinabsteigen bekam ich das Gefühl, als seien es mehr Treppen als sonst. Schlieβlich drauβen angelangt, setzte ich mich auf den Bordstein, was mir ganz natürlich und passend vorkam. Doch wie groβ war mein Erstaunen, als ich feststellte, daβ meine Perspektive sich nun sehr flach über die Straβe ausweitete, und ich die am Rand parkenden Wagen sozusagen fast von unten und deren Reifen übergroβ sah. Auch fiel mir auf, daβ meine Bekannten um mich herumstanden und lachten, ohne daβ ich den Grund dafür erkannte. Etwas schien mit mir nicht zu stimmen. Ich beschloβ deshalb, nun lieber gleich nach Hause zu fahren, um nicht mit fortschreitender Zeit womöglich fahruntüchtig zu werden. Als ich meinen grünen R4 bestieg, merkte ich mit gewissem Entsetzen, daβ ich ein ganzes Stück geschrumpft war. Nur mit Mühe konnte ich über das Steuerrad blicken und die Pedale erreichen. Die Betätigung der Armaturen erschien ganz ungewohnt. Schlimmer noch waren die Lichtblitze, die während der Fahrt aus den Seitenstraβen schossen und mich immer wieder veranlaβten, ohne wirklichen Grund zu bremsen. Nachdem ich die kurze, aber mir endlos vorkommende Fahrt glücklich überstanden hatte, beschloβ ich, nie wieder in einem solchen Zustand ein Auto zu steuern. Bevor ich mich in mein Zimmer begab, wollte ich in der Küche noch etwas zu mir nehmen, aber der dortige schwarz-weiβ karierte Fliesen-Boden nahm mich gefangen. Es war ein derartiges Flimmern, daβ ich meinen Blick nicht mehr abwenden konnte und völlig vergaβ, weshalb ich den Raum betreten hatte.
Als ich endlich mein Zimmer erreicht hatte, muβte ich mich stark darauf konzentrieren, den Plattenspieler in Gang zu bringen, denn der Tonarm schien sich zwischen meinen Fingern zu verbiegen. Dann lauschte ich bis zum Morgengrauen wie Ginger Baker „Man of Constant Sorrow“ spielte und Steve Winwood „Can’t Find My Way Home“ und „Sea of Joy“ sang. Zwischendurch malte ich über der Fuβleiste, die jetzt die richtige Höhe für mich hatte, meinen Grabstein auf die Wand. Weil ich aber das Sterbedatum nicht wuβte, gab ich es auf, zumal sich die Bilder in meinem Kopf schneller veränderten, als ich malen konnte, und starrte lieber den Rest der Nacht vor mich hin – wobei ich nach und nach wieder meine normale Gröβe zurückerlangte.

Danach fühlte ich mich 1 Woche lang matt, als ob in mir Staub gesaugt worden war. Mein Blick auf die Welt um mich herum schien verändert. Die Vorstellungen, die sich im Gehirn entwickelt hatten, waren nicht in Worte faβbar und von anderer Art als alles, was aus den Traumfabriken stammte. Warum, so fragte ich mich, stellte dieses kleine Volk eine Substanz her, die klein machte? Wäre es nicht naheliegend gewesen, ein Mittel zu produzieren, das vergröβerte? Oder war der fortgesetzte Gebrauch jener Droge Ursache für ihre geringe Gröβe?
Und dann ging ich wieder zu dem Händler.

Foto: Slinkachu (*1971), „Taxi!“, Manchester 2007

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Ein Gedanke zu „Flohmarkt

  1. Ich tippe auf „Magic Mushrooms“ oder amerikanische Chemie …
    (Eine Kombination aus beidem ist auch vorstellbar.)
    – Vielleicht bewirkt diese Droge auch, dass nicht das Individuum kleiner, sondern die Umwelt größer wird? Kann man es wissen?

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