Stadt der Welt

Welt-Stall

Der einzige andere Gegenstand in dem Raum war eine riesige Plattform in der Mitte, auf der ein offenbar maßstabsgetreues Miniaturmodell einer Stadt aufgebaut war. Mit seinen schiefen Türmen und naturgetreuen Gebäuden, den engen Straßen und winzigen Menschen-Gestalten bot es einen staunenswerten Anblick, und als die vier sich der Plattform näherten, begann Nashe, verblüfft vom schieren Erfindungsreichtum und der kunstvollen Ausführung des Ganzen, zu lächeln.
„Es heißt die Stadt der Welt“, sagte Stone bescheiden; … „Ich arbeite gern daran, … So wäre mir die Welt am liebsten. Alles in ihr geschieht zur gleichen Zeit.“
„Willies Stadt ist mehr als bloß ein Spielzeug“, sagte Flower, „es ist eine künstlerische Vision der Menschheit. Auf eine Art ist das Ganze autobiographisch, aber genausogut könnte man es auch als Utopie bezeichnen – es ist ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen, wo das Gute endlich über das Böse triumphiert. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie bemerken, daß viele Figuren unseren Willie hier darstellen. Dort auf dem Spielplatz sehen Sie ihn als Kind. Da hinten sehen Sie ihn als Erwachsenen in seiner Werkstatt Linsen schleifen. … Das alles könnte man den persönlichen Hintergrund nennen, das private Material, die innere Komponente. Aber all diese Dinge sind in einen größeren Zusammenhang gesetzt. Sie sind bloß ein Beispiel, die Illustration der Reise eines einzigen Mannes durch die Stadt der Welt.
„… Dort rechts“- er zeigte in Richtung der hinteren Ecke – „soll ein Modell dieses Raumes hinkommen. Ich selbst müßte natürlich darin sein, und das bedeutet, daß ich eine zweite Stadt der Welt bauen müßte. Eine zweite, kleinere Stadt, die in den Raum in diesem Raum paßt.“
„Sie meinen ein Modell des Modells?“ fragte Nashe.
„Ja, ein Modell des Modells. Aber vorher muß ich alles andere fertig haben. Es wäre der letzte Baustein, etwas, das erst ganz zum Schluß eingefügt werden kann.“
„Aber wenn Sie ein Modell des Modells bauen“, sagte Nashe, „dann müßten Sie theoretisch auch ein noch kleineres Modell dieses Modells bauen. Ein Modell des Modells des Modells. Das könnte ewig so weitergehen.“
… „Soll das heißen“, sagte Pozzi und hob ungläubig die Stimme, „soll das heißen, Sie wollen Ihr ganzes Leben lang an dem Ding arbeiten?“

Paul Auster (*1947), „Die Musik des Zufalls“

http://www.youtube.com/watch?v=7mfSMJopZFY

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