Bestattungsriten

Keretabangsa

„Phantasie kann etwas sehr Schönes sein, aber sie ist auch eine Falle. Am weisesten sind diejenigen, die als Kinder ihre Phantasie spielen lassen und als Erwachsene lernen, Tatsachen zu sehen.“
Dora Horn, „Die kommende Welt“

„Bei den Ameisen sind, vor allem in Indonesien, einige Arten entdeckt worden, die ihre verstorbene Königin noch bis einige Tage nach ihrem Tod weiterfüttern. Dieses Verhalten ist um so überraschender, als die Ölsäuregerüche, die von den Toten ausgehen, ihnen eindeutig ihren Zustand zu erkennen geben.“
Bernard Werber, „Der Tag der Ameisen“

Als ich bei Fundamentierungs-Arbeiten für meinen neuen Tempel zufällig auf Reste der Lalat-Nekropole Keretabangsa stieß, war das eine doppelte archäologische Sensation. Einmal hatten die Lalat kein Interesse daran gehabt, ihre Toten wieder auszugraben – es kamen also nur sehr alte, aus ihrer Erinnerung längst verschwundene Gräber dafür in Frage – und weder meinem Onkel noch van Kissbergen war es gelungen, in diesen dunklen Bereich vorzustoßen. Zum anderen kam hier plötzlich der Beweis zu Tage, daß van Kissbergen unbeabsichtigt die Beerdigungs-Rituale der Lalat beeinflußte. So hatte er den Lalat sozusagen als Gastgeschenk seinerzeit ein kleines Modell eines Volkswagens mitgebracht – was sich in ungeahnter Weise auswirkte.

Schiffsgrab

Wie diese Rekonstruktion zeigt, bauten die Lalat Nekropolen in Schiffsform nahe am Wasser – ein Grund, weshalb nichts davon lange erhalten blieb. Nach ihren Vorstellungen wurde ein Fahrzeug für den Übergang in einen nicht eindeutig definierten Zustand benötigt. Die Masten oder auch Leitern dieser Sammelgräber dienten dabei symbolisch für den Aufstieg in eine metaphysische Welt. Bei den „Urwaldzwergen“ Malayas war es sogar üblich, während der Beerdigungs-Zeremonie in die Luft zu springen und Opfergaben wie Spiegel und Halsbänder nach oben zu werfen. Ergänzt wurden die Gräber durch pyramidenartige Bauten, die mit Sprossen versehen ebenfalls eine Himmelfahrt symbolisch ermöglichen sollten. Alle Zeremonien dienten dazu, bei den Hinterbliebenen einen lupa-Zustand, ein Vergessen, eine Bewußtlosigkeit zu erzeugen. Dieser lupa-Zustand ist auch bei den Malaien im alltäglichen Leben überall anzutreffen, wenn z.B. Restaurant-Angestellte Bestellungen vergessen oder beim Rückzahlen von Krediten. Der dukun (Schamane, Heiler) versetzt sich und die Hinterbliebenen durch extrem laute Disco-Musik in Trance, nach der er oft von einem Boot berichtet, das von Seeadlern in den Himmel getragen wurde. Die Lalat bezeichnen die dukun auch als menipu (Betrüger), wohl wissend, daß es sich um eine Show handelt. Das Geschenk van Kissbergens, obwohl im unpassenden Maßstab, hatte nun eine Modernisierung des kosmischen Gefährts zur Folge, indem die Lalat den VW wie ein „Boot der Abgeschiedenen“ als Massensarg für bis zu 20 Leichen benutzten – quer zur Fahrtrichtung übereinander gestapelt. Besonders beliebt war die Version mit Schiebedach, weil man daraus Seile führen konnte, die eine Verbindung nach oben andeuteten. Da aber der Nachschub an Auto-Modellen nicht mit der sich sprunghaft ausweitenden neuen Bestattungs-Mode schritthalten konnte, wurde dieser Ritus bald wieder aufgegeben, und man kehrte schließlich zum archaischen Brauch eines Boots als Sarg zurück, das in der Mitte einen Mast aufweist, der Himmel und Erde anschaulich verbindet.

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