Frisiert wie Prinz Eisenherz

Eisenherz

Der optische Höhepunkt meiner Kleinkriegs-Phase war ohne Zweifel das Imperium Romanum Elastolinum. Mit den kleineren aber wesentlich feiner gearbeiteten Plastik-Figuren wurde es Anfang der 60er Jahre wirklich persönlich. Zwar fielen sie leichter um, waren auch zerbrechlicher, doch weil das Plastikmaterial gleich als Hautfarbe verwendet wurde, und so nur die Rüstung bemalt werden mußte, verdarb die Farbe nicht die Detailtreue der Form. Als nachteilig und teuer erwies sich die schiere Menge der Römer, die man für einen ordentlichen Aufmarsch benötigte. Dabei wirkten sie eindrucksvoll wie Polizei, weshalb ihnen eine eher individuell auftretende außerparlamentarische Opposition in Form von Normannen und Wikingern entgegengestellt werden mußte. Letzteren baute ich ein Schiff aus mit geleimten Segeltuch bespannten Sperrholzrippen. Deren und mein Held war der stets überlegen siegreiche Prinz Eisenherz, der eine ausgeklügelt gebastelte Burg aus Holz und Pappe mal zu erobern, mal zu verteidigen hatte. Noch folgenreicher als der kathartische Effekt wurde das spielerisch erweckte geschichtliche Interesse. Ich las nicht nur, was Hausaufgabe war, sondern forschte nach allen zu meinem Spiel passenden berühmten Keilereien – was sich sehr positiv auf meine Zensuren im Geschichts-Unterricht auswirkte. So wurden die Römer unter dem gierig ruhmsüchtigen Marcus Licinius Crassus seinerzeit bei Carrhae von den Parthern kraß verhauen und 145 römische Gefangene wegen ihrer besonderen militärischen Fähigkeiten später von den Hunnen engagiert, die wiederum von Chinesen besiegt wurden. Es ist nicht auszuschließen, daß es in einer Stadt in China noch genetische Spuren dieser Römer gibt, die Chinesinnen heirateten und sich weigerten zurückzukehren, weil sie sich in China wohlfühlten.
Als Student später in einem Nachtlokal in Braunschweig, in das mich die erheblich ältere Ursula, die Wesentliches an meiner Erziehung ergänzte, zusammen mit einer Gruppe mitschleppte, erklärte eine der Frauen, ich sähe aus wie Prinz Eisenherz. Ich weiß nicht, was jene mit dieser Analyse beabsichtigte, aber ich schnitt mir damals schon die Haare selbst, weil ich mich nicht mehr von schwulen Friseuren mißhandeln lassen wollte, und das ging manchmal schief. Vielleicht war auch meine damalige Lebenshaltung jener des Prinzen ähnlich: Meist lächelnd, beobachtend, abwartend, dabei einsatzbereit, ohne zu wissen, wann, wo und warum. Besser wäre es gewesen, mir die Haare gleich schulterlang wie Ritter Gawain wachsen zu lassen, der mit seinem Schnurrbart cool-männlicher wirkte. Dann hätte mich Ulla vielleicht intensiver gemocht, deren Ritter sie nicht oder nicht mehr wollte. So ungerecht geht es zu in der Welt, wobei die Frisur eine bedeutende Rolle spielt. Dagegen fand meine spätere Ehefrau, ich sähe aus wie Mireille Mathieu.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s