Kein Sammler

Haeuptling

Kriegs- und Action-Spielzeug bietet dieMöglichkeit, spannungsreiche innere Realitäten auszudrücken und Konflikte zu inszenieren. Damit kann es auch helfen, diese zu lösen.“ Pädagogik-Professorin Gisela Wegener-Spöhring, 2001

Kinderzimmer dienen ja oft als Abstellkammern nicht nur elterlicher Fantasien sondern ebenfalls des elterlichen Mobiliars. Entsprechend sah es in meinem aus (Manche hatten gar keins oder mußten es mit Geschwistern teilen!). Auch die Kindermode wird von Mutter und/oder Oma gern als Experimentierplatz der Gefühle genutzt. Und so kamen jede Menge Muster zusammen: Das Hemd anders als die Socken, der Kommoden-Vorhang rustikal, der Tisch bedeckt mit ein wenig Bauhaus, der Fenster-Vorhang dann so versimpelt rustikal wie die Illustrationen in meinem ersten Schulbuch, Teppich und Tapete wieder anders, eine Reproduktion berittener Landsknechts-Trommler, eine Krippe mit Magarine-Figuren neben einem Blechkran, eine „F4 ATA“- Holzkiste, ein ausgedientes Wetter-Häuschen ohne Figuren, Indianer – neben einem aufziehbaren Blechpanzer mit amerikanischen Sternen und Gummikette. Amerikanisch war erlaubt. Ach hätte ich doch den am Lenkrad steuerbaren Blech-Jeep aufbewahrt!
Unter solchen Verhältnissen kann man keinen Stil entwickeln, weder zum organisierten Sammler noch zum Mörder werden.
Ich bestaunte regelmäßig und fasziniert die Schaufenster zweier Spielzeugläden in Hildesheim und wollte wie die meisten Kinder einfach ALLES. Immer wieder gab es Neues, Realistischeres, und nichts paßte wirklich zusammen. Wenn ich mir dann ein Diorama gebastelt hatte, war der Spaß meist schon wieder vorbei. Mit der Kunst erging es mir nicht anders. Während ich mühselig eine Zeichnung strichelte oder in Öl malte, hatte ich meist schon die nächste Idee im Kopf. Lieber wäre mir eine Kunstfabrik gewesen, in der geduldigere Handwerker meine Pläne verwirklicht hätten, wobei ich mich frage, auf welchen Phantasien kindliches Spiel heute basiert. Kürzlich in Singapore fielen mir eine Menge Läden auf, die einerseits schon fertige Dioramen aus den Elastolin-Kriegen anbieten (Was macht man mit einem sich waschenden Soldaten? Er kann ja niemanden umbringen, solange er sich wäscht!), überwiegend jedoch die Figuren der hypertechnisch realitätsfernen Fantasy-Filme und Video-Spiele. Dabei scheint mir der frühere Variations-Reichtum des Kinderspielzeugs heutzutage extrem eingeschränkt und kanalisiert. Offensichtlich beeinflussen Computer-Spiele stärker als das traditionelle Kriegs-Spielzeug: „Es muß an der hohen Simulations-Professionalität dieser Computer-Spiele liegen. Experten gehen davon aus, daß zwischen Realität und Spiel nur noch ein «Level» besteht. Es ist eine hauchdünne Grenze. Genau weiß man es aber noch nicht.“ (Bernhard Hauser, Erziehungswissenschafter, 2011). „Funk“-Dialog in einem Online-Multiplayer-Sniper-Spiel:
„Oh! Ich bin gestorben!“
„Wo ist er?“
„Er steht neben meinem Körper.“

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