Lispeln und säuseln

Breker-Herold

Eine der elementaren Aufgaben des gymnasialen Deutsch-Unterrichts war Anfang der 60er Jahre die Rettung Schiffbrüchiger. So findet sich in meinem Lesebuch für das 8.Schuljahr – sinnigerweise „Die Fackel“ Band IV genannt – diese Geldsammel-Quittungsmarke eingeklebt. Auch standen überall kleine Rettungsboote rum, bei denen man was in einen Schlitz stecken sollte. Ansonsten wußte ich in der Regel nich, worum es eigentlich ging. Ich kann zwar inzwischen Stile unterscheiden, die Termini der Germanisten sind mir jedoch wie Ausländisch. So halte ich ein Plusquamperfekt noch heute eher für ein ägyptisches Flußpferd und komme bei einem „weiblichen Paarreim“ oder einem „5-hebigen Jambus“ auf völlig falsche Gedanken. Dabei wollte ich schreiben ebenso wie malen, doch ohne viel darüber zu labern, was ich auch als sogenannter „Kunsterzieher“ weitgehend dadurch vermied, daß ich auf Faktisches mehr Wert legte anstelle von Wortmalerei. Meine ersten Schreibversuche, die zum Glück nich erhalten sind, wurden durch die kalte, harte Sprache Wolfgang Borcherts angeregt: „Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld.“ Da sah ich eine tote Taube im Rinnstein, an der die Menschen Hildesheims achtlos vorbeigingen – und schon wurde Weltschmerz daraus. Großes Verdienst gebührt einem bitter-verkniffenen Deutsch-Lehrer, der zum ersten und leider einzigen Male kreatives Schreiben zum Thema machte. Die öde Realität bestand jedoch eher aus Poesie-Interpretation und im schlimmsten Fall aus dem Auswendiglernen derselben.

Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder, …

NIE wär ich auf die Idee gekommen, an Cosenzas Busen zu lispeln. Man konnte doch froh sein, keinen Sprachfehler wie Sean Connery zu haben. Überhaupt lispelte nich nur August Graf von Platen sondern bei Friedrich Georg Jakobi wurde auch viel gestottert:

Lalage, die kleine Spröde,
Floh den jungen Lycidas;
… Fernher murmelte die Welle,
Leise lispelte der Hain.

Aba sowas wurde nich behandelt, schon ganich Klopstocks pervers sprachlose Lispelei:

Im Frühlingsschatten fand ich sie;
Da band ich sie mit Rosenbändern!
… Doch lispelt’ ich ihr sprachlos zu
Und rauschte mit den Rosenbändern.

Also ich hätte das SO nich gemacht. Dagegen waren Goethes Erfahrungen beim Fischen, der sonst auch gern lispelte oder sich vom Frühling anglühen ließ – „Halb zog sie ihn, halb sank er hin, …“ – eher vom Pubertierenden nachvollziehbar, als wenn Friedrich Hölderlin von Tälern im Frühling angelächelt wurde, oder einem Johann Klaj in jener Jahreszeit „das Eiter das schwellt“. Und was war das für ein Deutsch, wenn ein gewisser Sozialpolitiker Friedrich Naumann das Bibelwort zitierte: „Unser keiner lebt ihm selber.“? Oder Rudolf Bach bei der Betrachtung von griechischem Bauschrott eine „panische Stunde“ erfuhr. Ich erlebte viele panische Stunden in der Schule – auch als späterer Lehrer, jedoch keine als „unvergeßbar für immer, was jetzt in fast willenlos träumender Empfängnis und einem keimenden Vorgefühl verklärter Erinnerung erlebt wird“. Schon ganich Georg Trakls schwüle Nonnen – auch in Hildesheim nich:

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

„Wie iss das denn – schwule Buchen“, fragte meine ausländische Frau verständnislos, als ich es ihr vorlas. Da schweigt man doch lieba.
Ganz aussichtslos wurde es für mich um 800: „sunufatarungo iro saro rihtun“ hieß es da in bestem Manadonesisch im Hildebrandslied. Hätte man nich gleich schreiben können, wie hier Sohn und Vater ihre Rüstung herrichten? Auch „spenis mih mit dinem wortun“ anstelle von „lockst mich mit deinen Worten“, konnte nur zu Mißverständnissen führen. Und nie würde ich zu Bienen sagen: „hurolob ni habe du“. Die würden mir was husten, diese Bienen. Auch war mir die „Finsternuß“ von Andreas Gryphius nich ma zu Weihnachten untergekommen. Da ich jedoch bald erkannte, wie leicht Frauen mit Poesie zu manipulieren sind, egal ob es sich um schwule Araber handelt oder Ludwig Höltys „einsame Träne“, die ihm „heißer die Wang herab“ BEBT, waren solche Zeilen wie „Innsbruck, ich muß dich lassen“ durchaus hilfreich, indem man sie durch Sybille, Karin oder Margit modifizieren konnte. Dagegen wurde Ulrich von Huttens

wie wol man tut
ein pfaffenfeind mich nennen.

im Unterricht ganich erst behandelt, obwohl im Lesebuch für das 11.Schuljahr vorhanden. Hutten hätt ich ebenso wie Friedrich von Logau unmittelbar verstanden:

Luthrisch, Päbstisch und Calvinisch,
diese Glauben alle drey
Sind vorhanden; doch ist Zweiffel,
wo das Christentum dann sey.

Doch so wie Goethe, bei dem sich der Frühling, der „Geliebte“, mit tausendfacher Liebeswonne an den durstenden Busen drängt – „Ich komm‘, ich komme!“ – krichte ich das einfach nich hin, zumal die frühen Frauen mich sowie nich ließen. Dazu war ich einfach zu schüchtern und albrich.
„Hinter allem, was du Gott, Strom und Sterne, Nacht, Spiegel oder Kosmos und Hilde oder Evelyn nennst – hinter allem stehst immer du selbst. Eisig einsam. Erbärmlich. Groß. Dein Gelächter. Deine Not. Deine Frage. Deine Antwort.“ (Wolfgang Borchert, „Das ist unser Manifest“)

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