Frauen an der Wand

KSR-rote-Frauen

Eins der Plakate an den Wänden meines Kinderzimmers, die mir mein Vater mitbrachte, zeigte dieses expressionistische Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976), das 1913 kurz vor der Auflösung der Künstler-Gruppe „Brücke“ und seiner ersten Einzelausstellung entstand. Auf mich wirkte es so erotisch wie ein Feuerlöscher, doch im Wohnzimmer duldete meine Mutter sowas nicht. Für Schmidt-Rottluff, längere Zeit zwischen dem Beruf des Architekten und des Malers schwankend, war das Motiv nur noch Anlaß für eine sinnlich ungestüme Pinselschrift – die eigentliche Sinnlichkeit des Bildes. Die Farbe hat kaum noch etwas mit Gesehenem zu tun sondern entwickelt sich hin zur Abstraktion. Rot konnte beim ihm so gut wie alles sein.

KH-Blumenfrau

Auch das Mädchen von Karl Hofer (1878-1955), das mein Vater als gerahmte Reproduktion immerhin im Wohnzimmer etablieren konnte, wurde von meiner Mutter gehaßt. Du sollst keine anderen Frauen bewundern neben mir! Obwohl von der Dame wenig zu sehen und das eigentliche Thema ein Blumen-Stilleben ist, das ich ebenso zu kopieren versuchte wie den wilden Malstil Schmidt-Rottluffs mit seinem stummen Bekenntnis zum Impulsiven und Einfachen. Schlichtes, idyllisches Dasein auf dem Lande und eine gewisse Stadtfremdheit gehörten zum Programm. Doch wurden Hofer, der 2x nach Indien reiste, und Schmidt-Rottluff Opfer der kulturellen Repression durch die Nazis. Als völlig enttäuscht erwies sich die schwärmerische Hoffnung der Expressionisten, ihre Kunst könne von den unteren Klassen verstanden werden. Dabei fühlte sich der „Deutsch-Römer“ Hofer deutlich stärker der figurativen Malerei verpflichtet. Deshalb griff er in den 50er Jahren in einer „geradezu rätselhaften Haßpsychose“ die nun dominierende Gegenstandslose Kunst an. Damit traf er genau die in der Bevölkerung bis heute vorhandene Stimmung, nach der die Pin-up-Malerei eines Adolf Ziegler („Meister des deutschen Schamhaars“) als ideal-sauber angesehen wurde, formale Experimente jedoch als „dilletantische Lüsternheit nach ausgeklügelten Exotismen, nach der Seelenlosigkeit des Mechanischen, nach der Dummheit als höchstes Symbol, nach einer nihilistischen Geistigkeit, gepaart mit asiatischer Anbetung des Scheußlichen … Wer die Ausnahme will, ist ein Auswanderer, aber von der eigenen Art, daß er nicht in einen anderen Weltteil oder in das Land jenseits des Grabens auswandert: sondern in das Nichts.“ (Hans Sedlmayr, „Die Revolution der modernen Kunst“). Ziegler verfolgte Schmidt-Rottluff persönlich und ließ 608 seiner Arbeiten beschlagnahmen: „Aus dieser Tatsache mußten Sie ersehen, daß Ihre Werke nicht der Förderung deutscher Kultur in Verantwortung gegenüber Volk und Reich entsprechen.“ (1941). 1950 erwiderte Willi Baumeister auf die Attacken Sedlmayers: „Herr Sedlmayer hat gestern Abend beiläufig gesagt: Die Abstrakten wollen für tausend Jahre ein Reich aufrichten. Es ist eine ganz verdächtige Anhängung, die den modernen Künstlern angeflickt wird mit kleinen Stichen, samt anderen Nadelstichen. Kein echter Künstler, auch kein moderner, behauptet, ein starres Programm zu haben. Ich weiß nicht, was ich morgen mache.“ Nachdem das rassische sowie das klassenkämpferische Argument durch die ehemaligen Partei-Genossen kompromittiert worden war, versuchte man es mit dem lieben Gott. 1952 machte der schwäbische Kultusminister der modernen Kunst den Prozeß: Es fehle bei den modernen Bildern die Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Dagegen besuchten 1950 in Salzburg 30000 Bewunderer die Ausstellung des Nazi-Kolossalplastikers Josef Thorak, und 1953 erhielt Arno Breker den Auftrag für ein 8m hohes Relief in Köln – mit einer biblischen Darstellung.
Worum geht es eigentlich bei solchen Kulturkämpfen? Auf der Ebene der Künstler um Freiheit, Einfluß, Professoren-Posten, Ausstellungs-Möglichkeiten und vor allem um GELD – wie immer und überall.

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2 Gedanken zu „Frauen an der Wand

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