Überschwemmung

Sisley-1876

Alfred Sisley, „Die Überschwemmung im Port Marly“, 1876

Das Wasser war bis Sonntag auf zwölf Fuß gestiegen, und zur Verwunderung vieler ging das Eis unterhalb der Brücken am Sonntage gegen Abend ohne viele Schwierigkeiten fort.
Allein die unvorsichtigen Bewohner der Oststadt wurden des Nachts durch Alarmschüsse und Geschrei erweckt, und mancher, der aus seinem Bette sprang, trat bis an die Knöchel ins Wasser. Aus den Ritzen der Fußböden in der Hinternstraße quoll das Wasser bald fußhoch in die Stuben und Kammern, und in den Straßen begann sich an den tiefern Stellen das Wasser zu zeigen.
Nun erhob sich eine ungemeine Geschäftigkeit. Vor dem neuen Schlosse und an dem Thorwege zum Park wurden die großen Pechpfannen angezündet, die mit ihrem rothen und qualmigen Lichte das Schloß und einen Theil der Schloßstraße erleuchteten. In dieser begann ein buntes Getreibe bei Fackel- und Laternenerleuchtung. Nachdem die Einwohner nämlich vor allem die Keller geleert und alles Werthvolle aus den Räumen zur ebenen Erde auf die Böden und in die obern Wohnungsräume gebracht hatten, fing man an, die Häuser einzudeichen, damit sie von der Straße her nicht durchflutet würden. Man schlug etwa drei Fuß voneinander Pfähle in das Pflaster des Trottoirs, lehnte Dielen dagegen und füllte die Zwischenräume mit Strohdünger aus, drei bis vier Fuß hoch, je nachdem die Straße niedriger oder höher lag. Ein solcher Düngerdeich wurde unmittelbar vor den Häusern hergezogen. Auf der andern Seite der Straße, wo die Häuser nicht dicht aneinanderstanden, mußte jedes einzelne Haus umdeicht werden. Das Wasser in den Straßen stieg zusehends. Schon kamen aus der ganz unter Wasser gesetzten und verlassenen Weserstraße Kähne mit Betten, Möbeln und Hausgeräth, Wiegen, schreienden Kindern aus den ärmlichen Wohnungen der Hinternstraße geflüchtet, wo obere Wohnräume nicht existirten, vor dem Schloßthore an. In der Schloßstraße selbst stand das Wasser nun noch nicht so hoch, daß man die Kähne benutzen konnte, deshalb mußte dann in dieser Hausgeräth, Kinder, Betten u.s.w. die ganze Schloßstraße hinauf bis kurz vor dem Rathskeller, wo es wasserfrei war, von Männern in Wasserstiefeln getragen werden. Auch Frauen und Mädchen wurden so getragen. Vor dem Vogelsang’schen Burghofe, vor dem alten Schlosse und vor dem Rathskeller brannten gleichfalls Pechflammen. Es war ein unheimlich romantischer Anblick, wenn man vor dem Rathskeller stand und die Schloßstraße hinabsah.
Dazu erschallten von Norden her von Zeit zu Zeit starke Donnerschläge. Das Eis hatte sich bei Paß Hengstenberg gestopft und der junge Herold versuchte Sprengungen mit Pulver.
Als der Morgen herbeikam, sah man den größten Theil des Alvensleben’schen Parks, die ganze Schloßstraße, Weser und Hinternstraße, die Kirche und den Kirchplatz, die Wohnung des Superintendenten, des Forstmeisters und des Barons von Bardenfleth im Wasser stehen. Frei von Wasser war in der ganzen Oststadt nur die Amtsstraße, der Rathskeller mit seinen beiden Nachbarhäusern und gegenüber das Castrum des Landraths von Vogelsang, das alte Schloß und der Raum zur Weserbrücke.
Die Weststadt war ganz wasserfrei, allein das Wasser war durch den Rückstau, der es von Hengstenberg nach Grünfelde trieb, auf achtzehn Fuß gewachsen, und die ganze Halbinsel jenseit der Graft bis an das Geestterrain stand eine Stunde weit unter Wasser, denn hier war die Weser nicht eingedeicht.
Der Überfall fing zu laufen an und bald stand das herrschaftliche Boswiehe zwischen den Deichen und der Langenstraße mehrere Fuß unter Wasser, welches bei höherm Wasserstande durch die Lütjestraße in die Deich- und Langestraße eingedrungen wäre, hätte man diese nicht durch ständige Vorrichtungen abgesperrt.
Nun war aber in dem Deiche etwa eine Viertelstunde oberhalb der Stadt ein Einschnitt von etwa hundert Schritt Länge, wo der Deich zwei bis drei Fuß niedriger war, um die herrschaftliche an die Weststadt verpachtete Weide, das Boswiehe genannt, im Winter zu überschwemmen und fruchtbar zu erhalten. Damit das überlaufende Wasser der Weststadt selbst nicht gefährlich wurde, hatte man da, wo das Boswiehe aufhörte, einen Abzugsgraben angelegt, der die ganze Weststadt umzog, und der dann sich erweiternd und vertiefend, neben dem nach Bremen und dem oldenburgischen Gebiet führenden Heerwege hinlief, bis er sich oberhalb des Dorfes Eckernhausen in einen natürlichen Wasserzug ergoß, der bei ihrem Wiedereinfluß in die Weser, in einem zwischen Hannover und Bremen vereinsamt daliegenden braunschweigischen Amte, den Namen Eyter bekam.
Obgleich sich hinter diesem Abzugsgraben das Terrain etwas hob, hatten die Bewohner der Langenstraße doch ihre Gärten hinter den Häusern noch durch einen besondern Deich geschützt, der von der Stelle an, wo der Weg nach Grünfelde führte, Staatsdeich wurde und als solcher so lange neben dem Heerwege herlief, bis eine Brücke hinüberführte und die natürlichen Ufer des Wasserzuges künstlichen Schutz mehr und mehr unnöthig machten. Man nannte das den Überfall, seit Jahren ein Stein des Anstoßes für alle die, welche von dem Wasser Schaden zu befürchten hatten, gern gesehen von den Nutznießern der Weiden.
Die Bewohner der linken Seite der Langenstraße waren aber schon seit der Nacht beschäftigt, die Deiche. welche ihre Gärten von den Abzugsgräben trennten, zu erhöhen. Man fuhr Stroh, Dünger und Faschinen herbei und befestigte die neu herbeigeschafften Materialien durch Pfähle auf dem oder neben dem alten Deiche. So kam der Morgen.
Alle gewöhnlichen Geschäfte hatten aufgehört, alle Schulen waren ausgesetzt, gerichtliche Termine wurden nicht abgehalten, es war Justitium eingetreten. Männer und viele Frauen, wie die meisten Knaben, gingen in hohen über die Knie reichenden Wasserstiefeln. Die Kinder würden sich massenweise herumgetrieben haben, wäre das Wetter nicht gar so schlecht gewesen, und hätten sie bei dem Eindeichen nicht hülfreiche Hand leisten müssen.
Georg Schulz spitzte bei dem Essigfabrikanten die Pfähle zurecht, die man zur Verstärkung der Gartendeiche bedurfte. Seine Jungen hatten auf dem Polterboden einen großen Backtrog gefunden und herabgeschleppt, der zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs in einem Bäckerhause gebraucht sein mußte und aus dem großväterlichen Nachlasse stammte. Es wurden drei Sitzplätze über den Trog genagelt, Stangen und Ruder vom nahen Zimmerplatz geliehen, und die Jungen warteten nur, bis die Essenszeit vorüber, um mit ihrem Kahn in die Oststadt zu eilen.
Gegen Mittag hörten Regen und Sturm plötzlich auf, die Luft wurde auffallend rein und warm, der Wind hatte sich ganz nach Süden gedreht. Nun begann in der Schloßstraße und deren Umgebung ein eigentümliches Getreibe, man glaubte sich plötzlich nach Venedig versetzt. Zehn und mehrere große Kähne fuhren in der Straße auf und ab, um die Bewohner auf festes Land zu bringen. Hier war es so voll wie an einem Jahrmarktstage. Die Männer, welche aus Erfahrung wußten, daß an solchen Tagen auch das Kochen aufzuhören pflegte, weil die Metzger kein Fleisch bringen und schaffen konnten, hatten sich schon zum Frühstück auf dem Rathskeller eingefunden. Wir reden von den sogenannten Honoratioren.

Heinrich Albert Oppermann (1812-70), „Hundert Jahre”

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