Arme Exulanten

Zoppot

Ich bin ein armer Exulant,
A so thu i mi schreiba, …
Ei Pilgrim bin i holt nunmehr,
Mueß rasa fremde Strosa, …

Josef Schaitberger (1658-1733), „Exulantenlied“

Vertreibung, Auswanderung, kulturelle Isolation – das liegt bei mir in den Genen. Meine Vorfahren mütterlicherseits, Otto Lackner, der das Feinkost-Geschäft meines Urgroßvaters Gustav (1850-1948) in Zoppot betrieb, meine Großmutter Emmy Lackner (1884-1961), geb. Brandstätter, stammten von evangelischen Salzburgern ab. Jene wurden 1731 als Folge des Glaubenskrieges von österreichischen Soldaten rücksichtslos ausgetrieben, so daß ganze Dörfer verödet zurückblieben. Mit Hilfe seines jesuitischen Spitzel-Systems hatte der Erzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian 20678 „Geheim-Protestanten“ festgestellt, die er als Rebellen einstufte und durch Militär vertreiben ließ. Anfangs wanderten diese Vertriebenen planlos durch Süddeutschland, doch als Friedrich Wilhelm I. bereit war, alle in Preußen aufzunehmen, zogen viele nach Berlin und Königsberg, wo sie in Ostpreußen verteilt wurden. Zwar gab es gelegentlich unvermeidbare Rivalitäten mit den dort Ansässigen, doch kam so der Kartoffelanbau ins Land. In Königsberg schrie ein „katholisches Weib, in dessen Haus es überhaupt liederlich zuging, wo bis in die tiefe Nacht gezecht und gespielt wurde“, den Ankömmlingen die Worte „ketzerische Hunde“ entgegen. Die Frau wurde deswegen verurteilt. Folgendes „Generalurteil“ erhielt der König über seine neuen Untertanen: „In der Wirtschaft sind sie fleißig und arbeitsam, halten das ihrige sehr zu Rathe, führen ihre Kinder zur Arbeit an und bezahlen die Abgaben richtig; mit dem Vieh gehen dieselben insonderheit so wirtschaftlich um, daß sie dasselbe mit viel Fleiß pflegen und warten. Die Äcker bearbeiten sie sehr gut und geben sich alle Mühe, solche mehr und mehr in Cultur zu bringen.“ Der österreichische Erzbischof Firmian sah das 1734 anders. Er wünschte „allen und jedem viel Glück, denen diese Früchte – oder vielmehr sauberen Früchtlein – zuteil werden“.
Die Salzburger vermischten sich nach einigen Jahrzehnten mit den Einheimischen, und so gab es z.B. in Laukupönen den Namen Brandtstaedter, und von einem Fritz Lackner aus Stallupönen, stammt die Anekdote über den Schimmel, der auf einem Auge blind war. Der jüdische Pferdehändler Libowski aus Stallupönen erklärte einst dem Besitzer:
„Herr Leutnant, Ihr Pferd wird haben einen leichten Tod.“
„Wieso?“ fragte Leutnant Werwarth.
„Das Pferd braucht nur ein Auge zuzumachen!“

Quellen:
Dr. phil. Rudolf Grenz, „Der Kreis Stallupönen (Ebenrode)“, 1970
Danziger Adressbuch

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