Partner für Schrate

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„Wißt ihr, eine Sache, die wir wirklich nicht richtig bedacht hatten, als wir den Plan faßten, aufs Land zu ziehen, war die Wirkung, die eine solche Veränderung auf unsere Köpfe haben würde.“
„Ich will zurück nach New York, denn hier draußen hat man nicht die geringste Möglichkeit, irgendwelche interessanten Leute kennenzulernen.“
Stephen Diamond, „Was die Bäume sagen“, 1972

Meine Vorliebe für Wildnis hängt auch damit zusammen, daß ich kurzsichtig bin. Mit Brille würde ich eher den Verfall bemerken. Ohne sehe ich alles etwas impressionistisch. Nicht so schlimm wie in den späten Monets, aber doch schöner als in voller Klarheit. Selbst Normalsichtigen kann es dabei so gehen wie Gilbert Sheltons „Freak Brothers“, die die Schäbigkeit ihres „Grass Roots“-Pardieses erst entdecken, als das euphorisierende Kokain alle ist.

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U.a. angeregt durch die amerikanischen „Woodstock“-Häuser der neuen Pioniere Ende der 60er Jahre, glaubte ich, daß mich nur das Leben als Waldschrat vor urbanen Verwirrungen bewahren konnte. Nicht gerade wie Heikos Gänse-KZ im Moor sondern eher so ein Fidus-Paradies mit all seinen Widersprüchen. Ich mußte dabei manchmal erst auf die harte Tour lernen, ein Ofenrohr besser nicht so anzulegen wie auf dem Foto, aber nach Jahrzehnten zäher Planung und schier unendlicher Arbeit hatte ich es verwirklicht: Ein Haus, um das mich jeder beneidet, nicht weil es irgendwie besonders groß oder luxuriös ist, sondern einfach schön, wie es da, umgeben von Dschungel und Reisfeldern, in einer zauberhaften Landschaft am Arsch der Welt liegt. Nicht ohne erhebliche Probleme mit der umgebenden Gesellschaft, doch wo gibt es die nicht. DER Kampf hält ein Leben lang an. Er ist integraler Bestandteil von Natur, selbst wenn dir die unmögliche Balance zwischen permanenter Veränderung und dem Versuch gelingt, du selbst zu bleiben.

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Noch besser ist es, wenn man dazu den richtigen Partner hat. Einer, der zupacken kann und die scheinhafte Außenwelt ebenso hinter sich lassen möchte. Doch kann es einem passieren, die Termiten im Fußboden nicht zu bemerken – bis man durchbricht. Eventuell verabschiedet sich der Partner mehr oder weniger plötzlich von der Idylle, weil er sich bewußt geworden ist, daß er lieber in großen, bequemen Wagen durch die Welt fahren möchte, vom Spa zum Frisör, dabei rund um die Uhr mit Nachrichten versorgt, die keine sind. Und plötzlich stellt man fest, wie man wieder eine Illusion gelebt hat, obwohl man glaubte, alle überwunden zu haben. Letztlich kann man dann nur noch Kommunist werden wie Heinrich Vogeler oder staatenloser Landstreicher. Man ist jedenfalls endgültig gescheitert. So erkennt man, daß man für den Rest des Lebens allein sein wird – wie man es schon immer war – weil es für Waldschrate kaum Partner gibt. Und damit hat man den höchsten Level des Waldschrat-Seins erreicht.

Fotos aus „Shelter“, California, 1973

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9 Gedanken zu „Partner für Schrate

  1. Es macht mich ein wenig traurig, das zu hören.
    Naja, wenigstens kann man sich dann vollends der Rolle des „tragischen, verkannten Heldens“ im Theater des Lebens hingeben …
    (Nicht, dass ich denke, dass Sie der „Typ“ dafür wären, aber ich würde es jedenfalls so machen, an dieser Stelle, wie ich mich kenne.)

  2. Traurich isses ja eigentlich nur, daß man zwar weiß, wie alles vergänglich iss, man das Gute aba dann doch bewahren möchte. Wobei jegliche Rollen im Gesellschafts-Spiel völlich unbedeutend sind, da Schrate die Gesellschaft sowieso meiden, weil sie andere Vorstellungen von einer angenehmen haben.

  3. Ich meinte nicht zwangsläufig die Rolle im „Gesellschafts-Spiel“, sondern vielmehr die Rolle im eigenen Leben, die man sich vorspielt. – Nagut, aber vielleicht kennen Sie das ja nicht in der Form, Intensität oder Weise, wie ich es kenne.

  4. Ich kenne das schon, hab es jedoch imma für wichtich gehalten, es zu vermeiden, denn die Wirklichkeit dringt letztendlich durch jede Maske. Außerdem zählt nur, was geschieht, nich, was man glaubt, es geschehe. Der Pionier und Siedler merkt das ganz genau, der Reisende blättert nur in einem Katalog.

  5. Fantasie ist trotzdem gut. Karl May war nie weit draußen und hat trotzdem viel erlebt. Es hat sich sicher gelohnt. Wenn das Eis gegessen ist, ist es weg. Es ist am Ende egal, ob man es wirklich gegessen oder sich das nur vorgestellt hat. Wichtig war, ob es geschmeckt hat. Man stirbt früher, wenns nur Fantasie war, aber wenns echt war, stirbt man auch. Wir sterben sowieso bald alle. Keine hundert Jahre und wir sind alle tot. Es lebe der Tod!

  6. Pingback: Ruhelos | Flaschenpost

  7. “That it would become far more should have been clear to me the first night I spent there, in chilly October, electricity and phone not yet turned on, no running water, no heat. There was a wind outside, and I read Nathaniel Hawthorne’s short story ‘Young Goodman Brown’ by oil lamp at probably the same level of illumination available to Hawthorne himself when he wrote it in 1835.”
    http://aeon.co/magazine/nature-and-cosmos/i-learnt-to-survive-like-an-11th-century-farmer/
    https://tomschrat.wordpress.com/2008/10/10/august-1973/

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