Jactation-Blues

Spirituals

Some of the Good Lawd’s children,
Some of them ain’t no good.
Some of them are the devil,
Oh well, well, and won’t help you if they could.

Some of the Good Lawd’s children
Kneel upon their knees and pray.
You serve the devil in the night,
Oh well, well, and serve the Lawd in the day.

Autismus ist nicht heilbar. Die Ursache für die Entstehung autistischer Beeinträchtigungen konnte bis heute nicht restlos geklärt werden. Eine Begleiterscheinung des Autismus, wie die monotone Schaukelbewegung des Kopfes oder des ganzen Körpers (Jactatio corporis), kann, ohne ein extremes Krankheitsbild zu zeigen, auf einen Mangelzustand an Empathie oder sinnvoller Beschäftigung hinweisen. Sie dient der Beruhigung oder der Stimulation. Ich weiß nich, wann sie bei mir angefangen hat, nur wie ich sie bewußt nutzte, bis ich mit Frauen zusammenlebte. In der Pubertät nahm ich ein Kissen, setzte mich an eine Schrank- oder Sofa-Ecke auf den Fußboden und schaukelte zur Musik. Zum Glück habe ich mir dabei nich dauerhaft die Wirbelsäule beschädigt. Das Gefühl, welches mir mein hin und herschwappendes Hirn vermittelte, war das eines Rausches. Tagträume von einem zukünftigen Leben voller Glück. Deutsche Pop-Musik schmalzte damals unerträglich vor sich hin, doch kam gerade der Blues auf, den ich über die Spiritual-Platten meines Vaters für mich entdeckte. In der Folge der American-Folk-Blues-Festivals in Hamburg erschienen Platten mit Live-Mitschnitten. Ich konnte zwar Englisch, verstand den Slang der Sänger jedoch nicht in seiner Tiefe. War mir auch nich wichtig. Ich mochte einfach den Klang ihrer Stimmen. Erst 1964, als ich die Texte in „Blues und Work Songs“ von Janheinz Jahn fand, wurde mir klar, daß Melancholie und Klagen sich überwiegend sehr direkt auf Sex bezogen.
Als Angelika mich besuchte, mit der ich schon parallel im Kinderwagen durch Uelzen geschoben worden war, spielte ich ihr eine meiner Blues-Platten vor. Ihre Mutter war eine geborene Daasch aus dem „Fachgeschäft für zeitgemäße Heimgestaltung“ in der Lüneburger Straße 50 und mit meiner befreundet. So hatten Angelika und ich uns in unserer Jugend immer mal wieder getroffen, ohne uns dabei näherzukommen. Sie lauschte und kommentierte:
„SOWAS hörst du dir an?“
Da wußte ich, daß ich immer noch Autist war und es auch bleiben würde.
Heute, am Ende meines Lebens, wo sich sowieso alles langsam in Schwingungen auflöst, schaukele ich wieder. Nur so ein bißchen im Stuhl mit Altersheim-Amplitude zum Gesang der Zikaden. Dabei starre ich auf den Pazifik und warte auf ein Container-Schiff, das tiefgekühlte Kruzifixe und neue Popen nach Nordsulawesi bringt, weil die alten bei epileptischen Anfällen verschieden sind.

Foto: Auflistung der Spiritual-Platten meines Vaters auf der Rückseite einer Werbung für knitterfreie Walbusch Herrenhemden („Bedenken Sie bitte, wieviel Sie sparen! Ein Hemd zu bügeln kostet selten weniger als eine Mark. Das ergibt im Jahr 365 Mark erspartes Geld.“)

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4 Gedanken zu „Jactation-Blues

  1. Ariola und Brunswick – da rieche ich wieder das seltsame Aroma des teakholzfurnnierten Schränkchens im Böddenstedter Wohnzimmer, in dem der Plattenspieler meiner Eltern stand, vor dem ich saß und abwechselnd Märchenplatten und Tanzmusik der 50er hörte. Was halöt so da war, Frau Holle und Billy Vaughn.
    Hätte jemand bemerkt, dass ich die Platten selber auflegen konnte, wäre das wohl auch noch verboten worden, aber sie waren ja alle so mit Lebensunterhalt beschäftigt, so dass ich mich allein unterhalten durfte – die Autistenfrage habe ich mir irgendwann auch schon gestellt, aber kann sie für mich nicht beantworten, denn ich bin eigentlich der Ansicht, es sei mir unabsichtlich anerzogen worden, niemanden wirklich zu brauchen, einfach weil keiner da war, wenn man jemanden brauchte, und so lag der Umkehrschluss und das Endergebnis eines latenten Belästigungsgefühls bei zu viel Gesellschaft nahe.
    Mein bereits schon mal erwähnter schaukel-erfahrener Exmann liebte ebenfalls Blues, Gospel und Spirituals, fiel mir beim Lesen deines Eintrags ein; damals mochte ich selbst diese Musik noch nicht so – typisch junge Frau, vermutlich. Mir scheint rückblickend, da hat frau hormonell bedingt eher kitschige oder dramatisch wirkende harmonische Vorlieben, zunächst.
    Ich dachte immer, das Bedürfnis, sich bei Musik mit zu wiegen, sei hervorgerufen durch vertraut wirkenden Rythmus, der in einem instinktiven Körpergefühl Antwort findet, vielleicht das Schwappen als unbewußte Erinnerung an den im Becken der Mutter geschaukelten Fötus, das dann ein Wohlgefühl wieder herstellt?

  2. Sowas in der Art muss es wohl sein, zumindest im verträumten Alter. Darum sind Blues-Sängerinnen wohl auch nie junge Frauen.

  3. Unter den Künstlern des „American-Folk-Blues-Festival“ waren auch nur wenige Frauen – ganz anders als in der Spiritual-Szene, wo sie ihren Jesus bejubeln konnten – und die Männer eine letzte authentische Generation. Danach gab es nur noch Imitationen wie die Rolling Stones.

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