Eremiten-Projekt

Ruebezahl

„Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.”
Henry David Thoreau

Thoreau hält er für einen Dilettanten, und rätselhaft ist nach wie vor, wie er die harten Winter im Zelt überstand: Der letzte wirkliche Eremit, Christopher Thomas Knight (47), der 27 Jahre unentdeckt in den Wäldern von Maine lebte. Angeblich fraß er sich mit gestohlenen Süßigkeiten Fett an und meditierte. Vom Diebstahl zu leben und dadurch den Frieden anderer erheblich zu beeinträchtigen, die sich nur noch mit elektronischen Überwachungs-Anlagen schützen können, ist keine überzeugende Lösung, auch wenn er dabei seinen eigenen Frieden fand: „I did examine myself. Solitude did increase my perception. But here’s the tricky thing — when I applied my increased perception to myself, I lost my identity. With no audience, no one to perform for, I was just there. There was no need to define myself; I became irrelevant. The moon was the minute hand, the seasons the hour hand. I didn’t even have a name. I never felt lonely. To put it romantically: I was completely free.“ Sucht nich jeder dasselbe im Leben? Offensichtlich nicht. Manche brauchen zur Zufriedenheit Konsum, Telefon und Internet, ich dagegen rollenweise Nato-Draht. Doch nicht mal einfacher Stacheldraht ist noch zu bekommen, wegen des großen Bedarfs in dieser heuchlerischen Gesellschaft der Asozialen. Knight erlebte weder seine Jugend, noch Schule oder Job als befriedigend. Auch nicht das Zusammensein mit anderen. Erst sein Wald-Camp gab ihm Ruhe: „I found a place where I was content.“ Seine Zähne gingen dabei drauf, und eine passende Brille ließ sich beim Einbruch in fremden Häusern nicht finden. Nun sitzt er ein, friert nicht mehr, wird regelmäßig versorgt und lernt eine umgitterte Außenwelt kennen, die sich stark verändert hat, seit er sie 1986 spurlos hinter sich ließ.

Holzschnitt von Luwig Richter, „Rübezahls Garten”

3 Gedanken zu „Eremiten-Projekt

  1. Vielleicht war es gerade dieses Einssein in der Ein-samkeit, das ihn vergessen ließ, dass es im menschlichen Mit- bzw. Gegeneinander anders als für den Solisten in seiner beinahe gebärmutterartigen Einheit mit seiner Umgebung einen konfliktverursachenden Eigentumsbegriff gibt, nicht ein Fließen von Bedürfnissen zum jeweils bedürftigen Ende hin, das nichts weiter entscheidet, als überhaupt zu überleben oder nicht.
    Ganz wie Martin E . T. Armoniac das vor mir angemerkt hat, ergibt sich daraus leider der fieseste Widerspruch, wo die Handlungspole nicht aus nur einem Ich oder fatalistischer Hingabe an ein unbestimmtes Universum besteht. Er hat mein Mitgefühl.

  2. Laut Text sind die Reaktionen auf seine lange Gefängnis-Strafe in den USA auch sehr unterschiedlich. Man vergißt doch zu leicht die traumatische Wirkung auf seine Opfer, zumal man sich ja auch zurückziehen kann, ohne andere zu schädigen. Ich denke, das wäre eher ein Zeichen für Sensibilität. Wir erleben hier gerade eine Serie von Diebstählen, bei denen u.a. nur noch die Reste einer vor Ort geschlachteten Kuh übrigblieben. Übrigens auch ein Problem nordamerikanischer Indianer, für die Stehlen durchaus zur Kultur gehörte. Ich mag das nicht nur aus gegebenem Anlaß nicht akzeptieren. Zumindest sollte eine Umerziehung stattfinden. Nicht, indem sich die Umerzieherin in den Kriminellen verliebt, sondern eher auf die gründliche chinesische Art.

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