Bonsai-Defense in Kyoto

Lichtrequisit

„Nicht der Schrift-, sondern der Fotografieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein.“ Maholy-Nagy (1928)

László Moholy-Nagy (1895-1946) hat es schon 1924 vorausgesehen: „Das regulierbare künstliche elektrische Licht erlaubt uns heute mühelos, reiche Lichteffekte zu schaffen. Mit elektrischer Kraft kann man vorberechnet verschiedene Bewegungen durchführen, die sich unveränderbar immer wiederholen lassen. Licht und Bewegung werden, gemäß der heutigen Beziehungen, wieder Elemente der Gestaltung. Die Springbrunnen der Barockzeit, die Wasserfontänen und Wasserkulissen der Barockfeste können durch Lichtfontänen und mechanische elektrische Bewegungsspiele schöpferisch erneuert werden … Es ist sogar vorauszusehen, daß diese und ähnliche Lichtspiele durch Radio übertragen werden. Teilweise als Fernsehprospekte, teilweise als reale Lichtspiele, indem die Empfänger selbst Beleuchtungsapparate besitzen, die von der Radiozentrale mit elektrisch regulierbaren Farbfiltern ferngelenkt werden … Bei den ersten Versuchen solcher Lichtspiele wird man sich auf sehr einfache Licht- und Bewegungsvorgänge beschränken müssen, da die meisten Menschen in der Aufnahme solcher Erscheinungen nicht vorbereitet, geschweige geübt sind.“
Wenn heute Studenten der Moholy-Nagy University of Art and Design in Budapest ein Mini-Spiel wie „Bonsai Defense“ erstellen (50MB; hier frei runterzuladen), welches das Schönste ist, was ich bisher entdeckt habe, so gehen sie damit weit über das hinaus, was traditionelle Malerei leisten kann. Weder die Leuchtkraft der Farben, die Variations-Vielfalt noch als Gesamt-Kunstwerk wäre es malerisch zu übertreffen. Zwar blicke ich bisher noch nich voll durch, konnte den Bonsai auch nich retten, doch lassen sich die wahnsinnigsten Screenshots erstellen, wobei die Dominanz von Rot eher den nahenden Untergang bedeutet. Außerdem schwitzt man dabei nich so wie beim Malen. Leider gips keinen Modus, in dem man einfach nur basteln und sich an dem Geschaffenen entspannt erfreuen kann. Ist diese Jugend so nervös, daß sie ganix anderes kennt, als mit dem Cursor über Bildschirme zu hetzen, während die Zeitbombe tickt? Oder ist sie so gelangweilt, daß sie dauernd Speed braucht?

bonsaialert

Die Kollegen am Bauhaus, Feininger und Klee, hatten Bedenken: „Dieser Aufsatz drückt mir das Herz zusammen. Nur Optik, Mechanik, Außerbetriebstellen der ‚alten‘ statischen Malerei, in die man sich erst ‚hineinschauen‘ muß … Wir können uns sagen, daß dies furchtbar und das Ende jeglicher Kunst sei … Klee war gestern ganz beklommen, als er von Moholy sprach … Schablonen-Geistigkeit … .“
Da hat die neue Niedlichkeit des eigenartig malerisch-musikalischen Mini-Spiels „Kyoto“ (7,11MB frei runterladbar hier) wohl eher eine Chance, von romantischen Seelen anerkannt zu werden. Doch was wird aus den jungen Programmierern, wenn kein Bedarf an reiner Ästhetik besteht? Müssen sie, um zu überleben, mit dem Diplom in der Tasche Virtuelles für Versicherungs-Werbespots und Nazi-Zombie-Shooter produzieren?

Abb. oben: Maholy-Nagy, Vorentwurf zum Lichtrequisit einer elektrischen Bühne, Tuschzeichnung

Ein Gedanke zu „Bonsai-Defense in Kyoto

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