Zurück zum Anfang

Kleinhaus

„When you’re living in a city, it’s easy to idealize life off the grid. It’s beautiful, it’s free, it’s radical sustainability. But out here, you learn that the system is impossible to escape.
And lately the mesa has been lighting up at night with planes training for Afghanistan. Sometimes people see Black Hawks out there. The military presence is real. Just as green builders take advantage of the ‘pocket of freedom’ to build earthships, the military uses the opening too, to train troops, to test bombs, to build underground compounds. Nobody’s watching in New Mexico.” Samara Reigh, „Earthship, New Mexico

Jetzt, wo meine Seelenruhe in Fetzen im Wind flattert, geht der Blick zurück. Wie wäre das, wenn ich in D nochmal von vorn anfinge, wie ich es im Jahre 1973 begonnen hatte. Das Alleinsein würde mir heute viel leichter fallen als damals. Nur mit einem Koffer mit den wichtigsten Dokumenten und der notwendigsten Kleidung. Vielleicht irgendwo in den neuen Bundesländern. Da wo die Leute fliehen, wo keiner wohnen will, da wäre ich richtig. Nich gerade in der Nähe der Ostgrenze, wo man mit Überfällen rechnen muß. Vielleicht ein kleiner, aufgegebener Resthof oder ein altes Häuslings-Haus, in dem ich in Ruhe verrückt werden könnte. In der Uckermark, Deutschlands menschenleerstem Kreis? Mit dem Geld, das meine Frau vergeigt hat, hätte ich mir sowas kaufen können. Damals im Moor besaß ich nur Werkzeuge, 1 Plattenspieler, Bücher, einige alte Möbel, eine zusammenrollbare Matratze, ein paar Klamotten und einen R4. Anfangs kein Strom, kein Wasser, keine Heizung, Plumpsklo draußen. Wie eine weiße Leinwand, auf die man die ersten Striche setzt. Vielleicht ein winziges, neu zu bauendes Einraum-Haus mit offenem Kamin. Ob man noch mit Holz und Kohlen heizen darf? Vielleicht benötigt man eine kostenpflichtige Sonder-Genehmigung des Emissions-Schutz-Beauftragten. Im Außenbereich sowieso. Eine Katze, ein paar Hühner und Ziegen wären nett als Gesellschaft. Und natürlich ein weiter, ungestörter Blick in den Sonnen-Untergang, während Neil Young gerade melancholisch vor sich hinsingt. Ich würde dann an Indonesien denken und vielleicht das Kreischen der Zikaden und das Rauschen des Wassers vermissen. Doch sicher nicht das hemmungslose Lärmen der Wilden, ihre epidemische Falschheit und die täglichen Stromausfälle. Bis alle Erinnerungen im Nebel verschwänden, von Kälte und Schnee ausgelöscht.
Wahrscheinlich würde ich dauernd in Geldsorgen sein. Die neu abzuschließende Kranken-Versicherung fräße allein schon die erneut zu beantragende Rente auf. Wobei der Beitrags-Rechner der „Allianz“ für über 64jährige gar nix mehr anzeigt. Ich würde wieder ein Auto brauchen, weil Super- und Baumarkt nicht in unmittelbarer Nähe (Dürfen Alte noch autofahren? Ich bin früher schon meist zu langsam gefahrn.). Zusammen mit allen Wohnkosten und Gebühren ein endloser Strom ruinöser Ausgaben – ganz abgesehen von absurden Genehmigungs-Prozeduren und Baukosten.
„The occupants of tiny houses tend to be committed, and slightly self-regarding, citizens, who cook on little stoves and have refrigerators like wall safes. They shed years of possessions and keepsakes to get by with two shirts and two pairs of pants and two mugs and two forks, in order to occupy what amounts to a monk’s cell, for the sake of simplicity, frugality, or upright environmental living. They often embody the zeal of religious converts.
As a painter, Shafer began to care less about subject matter and more about form and proportion. Finally, he gave up painting and decided to try to live artfully.”
Alec Wilkinson, „Let’s Get Small

Foto: Petersburg (Virginia), 1865

https://www.youtube.com/watch?v=lDbrUk2xYBo
https://www.youtube.com/watch?v=MVzPFusHZC8

10 Gedanken zu „Zurück zum Anfang

  1. Ja, das hast du schön beschrieben, aber schon selbst erkannt, alles gar nicht so einfach. Auf alle Fälle, bloß keine Überfälle!!

    Alle können tadeln und richten, aber wenige können dichten. (Sprichwort)

  2. Oh oh Tom, dass hört sich nach ’nem radikalen Klimawechsel an.
    Die Uckermark liegt nun nicht direkt in meinem Blickfeld. Ein schöner Landstrich ist sie trotzdem, ohne Zweifel. Die Bevölkerung dort scheint allerdings in der Tat zu schwinden. Polen, die es sich leisten können, siedeln sich in Grenznähe an. Mit Holz zu heizen ist übrigens erlaubt, genauso wie das langsam Fahren. Es gibt genügend Vorschriften, dafür keine ausgeprägte Korruption, wie bei den ‚Wilden‘. Willkommen in D.😉

  3. Die weitgehende Korruptions-Freiheit (man nimmt eher Einfluß in D) ist wirklich eine wesentliche Lebens-Qualität. Auch die allgemeine Rechts-Sicherheit. Jedoch was nützt das, wenn man von teuren Vorschriften so umstellt ist, daß das Gefühl von Freiheit nicht erfahren werden kann. Wenn z.B. die Gemütlichkeit der Decken-Höhe absolut verbindlich mit Straf-Maßnahmen bei Zuwider-Handlung genormt ist, und sich die meisten Bundesbürger ausgeprägte, individuelle Freiheit nicht leisten können.
    Falls wir uns doch nich sehen, Henning, wünsche ich ersma alles Gute für 2015.

  4. Pingback: Im Moor | UNGEMALTES

  5. 40 Menschen pro Quadratkilometer? Na, dann empfehle ich dir den bevölkerungsärmsten Landkreis der alten Bundesländer,
    http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_L%C3%BCchow-Dannenberg

    Die einzigen Ostgrenzen in der unmittelbaren Nähe sind die zu Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, und von da ausgehend wird man nicht mehr überfallen wie zu Begrüssungsgeldzeiten, dorthin fährt man vom südöstlichen Wendland aus selbst zum Einkaufen. Salzwedel ist das neue Uelzen. ^^

    Ich wünsche dir ein positives Jahr 2015!

  6. Ja ABA, dort vermehrt ihr euch doch vielleicht wie die Karnickel, während es in der Uckermark konsequent nach unten geht. Weiß nich wieso der eine „menschenleerster“ und der andere „bevökerungsärmster“ iss. Ham ja beide 40/km². Ich würd auch nich wieda in ein neues Uelzen wollen, um dort zur Zuckerrübe zu werden. Und denn müßte man auch ma kucken, wo die Atomkraftwerke stehn. Mich zieht’s genmäßich nach Osten und nich zum „Brennelementlager Gorleben GmbH – BLG“. Ostpreußen wär nich schlecht, aba nich mit den Russen.
    Und außadem noch alles Jute für nun schon dieses Jahr!

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