Autarker Flickenteppich

Teestunde

Je mehr ich mißhandelt werde, um so stärker versteife ich mich auf mein Lebens-Konzept, das mir nie geschadet hat, wohl aber dessen Gegenteil. Und so greife ich mir anstelle eines Handphones wieder die Bücher, die mich beeinflußten, sofern sie von Kakerlaken, Termiten und Schimmel weitgehend verschont geblieben sind.
Z.B. Gudrun Pausewangs (*1928) Briefe „Rosinkawiese“, die sie zusammen mit ihrer Mutter Elfriede verfaßt hat. Jene gehörte der „Wandervogel“-Bewegung an, aus der heraus sie mit ihrem Mann beschloß, Anfang der 20er Jahre ländliche Autarkie anzustreben, jedoch erfahren mußte, daß es so absolut nicht mehr möglich ist. Wie ich, war sie ein Stadtkind ohne viel Ahnung vom Landleben. Der Siedlungs-Versuch in der ostböhmischen Heimat ihres Mannes, in der deutschsprachigen Tschechoslowakei, endet mit der allgemeinen Katastrophe des 2.Weltkriegs, in dem ihr Mann als Soldat umkommt.
Auch sie siedeln auf einem nicht besonders fruchtbaren Hochmoor, wo niemand leben will, und das sie mit Dünger ertragreicher machen. Trotz sparsamster Lebens-Gestaltung fehlt es ständig an Bargeld, das Verwandte und Freunde zusätzlich beschaffen. Der sehr geschätzte Natur-Genuß muß mit Not und hartem Winter bezahlt werden. Dabei kommen sie anfangs ohne Strom aus, und auch später funktioniert die Versorgung mit Elektrizität nur unzureichend. Selbstverständlich arbeiten die Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit, denn jene wollen gefordert und gebraucht werden. In den langen Wintern kommt manchmal sogar die Bahnverbindung zum Erliegen. „Wir hatten den Winter satt – die Kälte, die Dunkelheit, das Eingesperrtsein.“ Öfen machen Schmutz, haben ihre Launen, brauchen ständig Zuwendung, sind unbequem, und abends tut der Rücken weh. Für den von Menschen zu ziehenden Pflug werden mindestens 3 gebraucht. Hasen knabbern Gepflanztes an. Selbst Kreuzottern und Bisamratten sind unfreundlich. Die Ziegen bekommen Weihnachten ein Stück Brot. Keine Apotheke vorhanden, und Penicilin gab es noch nicht.
Die Einheimischen reagieren mit Unverständnis auf die Wiesenschrate. Eine Orgel-Vorführung mit Werken von Bach wird zum Flop. Kein Alkohol, Freikörper-Kultur und Vegetarismus sind den doofen Dörflern fremd. Daß ich kein Telefon besaß – abgesehen vom fehlenden TV – wies mich allein schon als Verrückten aus. Und aus dem Schnee freigraben, um zur Arbeit fahren zu können, mußte ich auch ab und zu. Außenseiter-Dasein zu ertragen, verlangt Stärke.
„Aber die Schönheit allein brachte kein Geld ein.“ Ohne Kranken-Versicherung in Angst vor Arzt-Rechnungen, die ewigen Geldprobleme lassen sie letztlich da ankommen, wo alle landen: im Kompromiß mit entfremdeter Arbeit. Der Mann wird Lehrer, und sie ziehen vorübergehend sogar in ein mehrstöckiges Mietshaus in Breslau. Nach dem 6. Kind – verhütet wird nicht – sehen sie die Weinrebe am Haus als Symbol ihrer Idee: Ein paar kümmerliche Trauben, die im zu früh einsetzenden Winter nicht ausreifen konnten. Doch haben sie in den harten Kriegszeiten immer genug zu essen.
Wenn die Autorin 1980 feststellte, das Motto „small is beautifull“ spiegele „immer deutlicher ein großes Unbehagen an der Konsumgesellschaft wieder“, so sehe ich aktuell eher eine gegenläufige Bewegung. Wie werden Kinder mit dem Außenseitertum fertig? Da die Dorfkinder nicht zu Besuch kommen, haben sie auf der Rosinkawiese wenigsten untereinander Geselligkeit. Ansonsten kann man sie „vernünftig“ nur aufziehen, wenn weit und breit kein verführerisches Angebot an Überflüssigem vorhanden ist. Sonst verschwindet der Sohn zum Nachbarn, der TV besitzt. Dessen Tochter kam zu uns nur zum „Picknick“, also wenn es was zu Essen gab. So sah sie auch aus. Gibt es heute in den entwickelten Gesellschaften noch Kinder, die mit reinem Natur-Genuß ihre übermäßige Freizeit versüßen? Die ohne Komfort auskommen und ihre Ansprüche auf ein Mindestmaß herunterschrauben können? Die belesen und geschickt im Basteln sind, weil sie sich ihr Spielzeug selbst herstellen? Ich glaube nicht. Wo sollten die Vorbilder herkommen? Von Erwachsenen, die ihre geistige Leere mit Tastendruck und Infotainment zu füllen versuchen? Wer zeigt Genügsamkeit, Durchhaltevermögen und Improvisations-Talent im Zeitalter des digital Vorgefertigten? Stattdessen verfetten ganze Nationen, und sind Menschen mit konsumbestimmtem, übertechnisiertem Lebens-Standard zufriedener?
Ach so, der Flickenteppich, Perser der Armen: Man kaufte ihn nicht bei „Ikea“, sondern schnitt alte Kleider in 2 Finger breite Streifen, nähte diese an ihren Enden aneinander und brachte sie als Knäuel zu einem Fleckelteppichweber.

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