Segen der Erde

wilde-Westheide

Schon der Titel mißfiel mir. Zu viel „Blu-Bo-Brau-Si“ (Blut, Boden, Brauch, Sitte). War Pflicht-Lektüre für mich als Abiturient. Kann mich nich dran erinnern, daß sie mich in irgendeiner Weise beeindruckt hat. Ich besaß das Buch als Paperback. Später tauschte ich es gegen eine gebundene, miserabel gedruckte Ausgabe des Bertelsmann Leserings, die Sabine Strauß gehört hatte, der Tochter meines Stiefvaters. Anscheinend bewirkte es bei ihr auch nichts, sonst hätte sie sich ja nich umgebracht. Dabei schrieb Knut Hamsun (1859-1952) da alles rein, was wichtich iss, und bekam deshalb 1920 den Nobel-Preis: „Daß die schwere Mühsal, die hartnäckige Arbeit das einzige ist, was seit ewigen Zeiten den Menschen das Herz leicht gemacht und den Körper erfrischt, seinen Lebenslauf glücklich“, so Selma Lagerlöf über „Segen der Erde“. Doch vielleicht hat Sabine dafür auch nich den richtigen Partner gefunden, wie Isak auf seinem Ödland im norwegischen Moor: „Das schlimmste war gewesen, den Ort zu finden, einen Ort, der niemand gehörte, der sein war; jetzt kamen die Tage der Arbeit.“ Doch schon darin irrt er sich, denn der Boden gehört dem Staat. Und so muß er zahlen, um im Paradies leben zu dürfen, muß GELD verdienen! Und niemand will ihm dabei helfen, „meilenweit von den Menschen, ja eine Tagesreise von der nächsten menschlichen Behausung entfernt! … Dann mußte er eben allein bleiben.“ Zufällig findet er eine Frau, die durch eine Hasenscharte entstellt ist: „Nun begann ein anderes Leben für den einsamen Mann. Das einzige war, daß seine Frau undeutlich redete … Die Liebe macht den Klugen dumm … er liebte sie, und sie liebte ihn wieder, sie waren genügsam, sie lebten im Zeitalter des Holzlöffels, und sie hatten es gut … es gab wohl allerlei, mit dem man sich abplagen mußte, jawohl, Kampf und Freude, wie das Leben eben ist … Diese einsamen Menschen, so ungeschlacht und zu sehr ihren Trieben ergeben, aber voller Güte gegeneinander, gegen das Vieh und gegen die Erde!“ Doch ist es nie genug. Gerade als Isak einen Neubau beginnt, wird Inger schwanger und kann ihm nicht mehr bei den schweren Balken helfen. Und dann gibt es da noch Neid und Falschheit der Mitmenschen, mit denen man doch interagieren muß: „Ein Lappe bettelt demütig, bekommt er jedoch nichts, dann wird er rachsüchtig und droht.“ Die Lappen treiben sich wie „Maden und Ungeziefer“ im Dunkeln herum, und ab und zu verschwindet ein Kalb oder Lamm. Abschießen darf man sie leider nicht. Wegen Tötung eines ihrer Neugeborenen – in jener Zeit wie eine Seuche in Norwegen – kommt die Frau ins Gefängnis. Dort verwandelt sie sich: „War denn Inger im tiefsten Innern während ihres langen Stadtlebens so zimperlich geworden? Jawohl, Inger hatte sich verändert und dachte nicht mehr beständig an ihr gemeinsames Beste, sondern an sich selbst.“ Sie hat nun andere Ziele, und ihr Mann ist wieder ohne Hilfe bei der Arbeit: „… er konnte nicht mit der einen Hand den Pfosten halten, ihn mit der anderen waagrecht leiten und zugleich die Schräghölzer befestigen … Daß ihr Sinn sich verändert hatte, war eine Sache für sich. Ach, sie war jetzt so viel weniger nachdenklich, war gleichsam oberflächlicher, leichtsinniger!“ Von dem Gesellschafts-Leben, das sie in der Stadt kennengelernt hat, mag sie sich nicht mehr zurückziehen. Auch liegt „ihr nichts daran, ständig tüchtig zu sein … Diese Heimat, die ihr geworden war, dieses ganze öde Dasein, das ihr Isak bereitet hatte, war im Grunde genommen recht mäßig, … sie hatte jetzt andere Anschauungen. War es nicht merkwürdig, wie sich die Ansichten ändern konnten!“ Isak wundert sich zuerst „ein wenig über diese Veränderung, über eine so verdammt verdrießliche und unhöfliche Art“, doch als sie ihm auch noch Geld stiehlt – nicht gerade das Erbteil seines Vaters, sondern nur 1 Taler – da stößt er sie schwer zu Boden. „Nun verging ein trauriger Tag und eine lange Nacht und noch ein weiterer Tag.“ Doch ändert Inger, die „ein langer Aufenthalt in künstlicher Luft verwirrt gemacht hatte“, ihren Sinn und wird zuerst schwermütig und dann fromm. Danach läßt sie sich mit fremden Männern ein. Als das schiefgeht, wird sie wieder fromm.
Auch die Natur bleibt nicht, wie sie war, sondern wird allmählich zugebaut und industrialisiert. Einer der Söhne hat für Waldesdunkelheit und die Freundlichkeit der Bäume nichts übrig, obwohl sich der Strahl der Milch im Melkeimer wunderbarer anhört als die Heilsarmee in der Stadt. Er muß reisen und sein Geld verschleudern: „Weißt du, was Glücksspiel ist? Es ist Angst, die einem Schweiß auf die Stirne treibt, das ist es. Der Fehler ist, daß sie nicht im Takt mit dem Leben schreiten wollen, sie wollen rascher gehen als das Leben, sie jagen, sie treiben sich selbst wie Keile ins Leben hinein … Dann zerbricht sie das Leben, höflich aber bestimmt.“ Dagegen ist sein Vater im Ödland gegen alle Verschwendung geschützt, und wenn ihm ein fallender Baum ein Ohr abreißt, klebt er es mit seiner Mütze wieder an.
Doch Inger „hat einmal eine große Reise gemacht, und da ist wohl eine Art verderblicher Abgespanntheit über sie gekommen … Aber sie war so keck geworden, dachte an keine Verantwortung mehr und kümmerte sich um nichts.“ Dann, als all ihre Verwirrung eine große Krise hervorruft, weint sie viel und leidet schwere Not. „Ich bin nicht so gegen dich gewesen, wie ich hätte sein sollen,“ entschuldigt sie sich bei ihrem Mann. „Das tut mir sehr leid.“ Sie hilft ihm sogar dabei, einen großen Felsbrocken aus der Erde zu hebeln. „Oh, Inger war jetzt fügsamer geworden, es ist keine kleine Sache, wenn man seinen verlorenen Verstand wiederkriegt.“
Aber Isak ist nun alt und hat nicht nur Vertrauen sondern auch seine Kraft verloren. Die beste Zeit seines Lebens ist vorbei. Er glaubt nicht, daß sich seine Frau wirklich besonnen hat, sondern greift zu Spaten und Schaufel und geht raus, um Erde von einer Stelle zur anderen zu bewegen. Für ihn ist die alte Frau Vorbild, auf deren Hof er einstmals lebte, als er jung war. Um den Hals einen wärmenden Nylon-Strumpf, arbeitete sie in immer kleineren Portionen bis zu ihrem Ende – und stürzte dann die Kellertreppe hinab. (So endet aber nich der Roman, der kraftvoll wie ein Holzschnitt ist, sondern das hab ich mir nur ausgedacht, weil ich jetzt, in der letzten Phase meines Lebens, so erstaunlich viel Selbsterlebtes darin fand.)
Hamsun wuchs nur als Bauer auf. Schon als Neunjähriger vertauschte er diese Existenz mit den Wirren des Stadtlebens und verspielte lieber sein Geld, anstatt Boden zu bearbeiten, bis er sich im Alter politisch endgültig verirrte – dieser „vollständig hysterische Mann“, als den er sich selbst beschrieb. Einer, der das Richtige wußte, es aber nicht tat.

9 Gedanken zu „Segen der Erde

  1. Das Buch stand bei meiner Oma un ich hatte versucht, es zu lesen, einige Seiten quer. konnte nicht mit der Sprache und dem Stil, war zu jung, um es für mich sinnvoll zu finden und um der Geschichte Willen zuende lesen zu wollen. War ja freiwillig. Wenn ich das jetzt bei dir in sinnvollem Zusammenhang sehe, beeindruckt es mich doch noch.

  2. Mich hat es gleich doppelt verblüfft, auch dieser reduzierte, aber doch psychologisch so feinfühlige Ausdruck. Hab dann gleich weitergelesen mit „Das letzte Kapitel“, und bin gerade bei „Landstreicher“. Hatte ich mir wohl ungelesen mitgenommen – für alle Fälle. Das war einfach nix für die Jugend der 60er Jahre. Ich sehe den Deutsch-Unterricht von damals immer noch als 90%igen Flop. Dafür konnten die an die Lehrpläne gebundenen Deutsch-Lehrer aber wohl nix. Und wie war meine Aufnahme-Bereitschaft damals???
    Ist es nicht überhaupt entscheidend, daß man glaubt, eine persönliche Beziehung zu einem Kultur-Produkt zu haben? Für die Pausewangs war „Segen der Erde“ eine Bestätigung. „Es berührte uns tief, …“

  3. Der Deutschunterricht beschäftigt sich auch heutigentags mit Lektüren, die an den Interessen der Schüler vorbeigehen, allerdings unter Vernachlässigung der als Kulturbasis geltenden Klassiker noch dazu, also aus späterer Erwachsenensicht doppelte Versäumnisse, wenn dann so ein Sproß Schiller nur für eine Ambient-Popgruppe der Jahrtausendwende hält.

  4. Wahrscheinlich texten sie dabei jetzt unter ihrem Tisch. Als Junglehrer war ich auch der Ansicht, die Interessen der Schüler müßten stärker berücksichtigt werden. Nur – welche sind das? Manche haben gar keine.

  5. Manchmal würde es vielleicht sogar helfen, einen Bezug an den Haaren herbei zu ziehen, in dem man literarische Personen von den Schülern mit aktuellen Stars besetzen ließe. Zumindest Mädchen könnte man mit der Besetzungsliste kriegen. ^^

  6. Oh, es haart stark. Text für das 4.Schuljahr: „Als ich zurückkam, war das ganze Morphium aus dem Arzneischrank verschwunden!“ Vielleicht fragt dann ja ein Schüler: „Iss Morphium sowas, wie meine Eltern imma rauchen?“ Hinten im Buch (Schroedel TP4) stehen sogar die Lehr- und Lernziele. Da kann der Schüler gleich überprüfen, ob alles richtichläuft.

  7. Pingback: Jons und Erdme | Memoiren eines Waldschrats

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