Nach der Scheidung

77toasted

Wenn schon das Prinzip der gegenseitigen Hilfe, die „Reziprozitätsethik“, in weltanschaulich homogenen Gruppen nicht funktioniert, sondern sich immer wieder Reibung und Ungleichheit entwickeln, die solche Gruppen von innen her zersetzen, wo soll dann eine Bewegung herkommen, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen läßt? Die Geschichte der Landkommunen in D ist jedenfalls eine Abfolge des Scheiterns. Je größer solche sozialen Gruppen, um so komplexer die Probleme. Man versagt nicht nur in der ökonomischen Realität, vor allem der unzulängliche Mensch selbst ist es, für den es offensichtlich keine einfachen Lösungen gibt. Manche wollten dem Impfzwang entfliehen, für andere war die Welt nicht christlich-kommunistisch genug. Man wollte Eignung als Einstellungs-Voraussetzung und gestaffelte Geld-Entlohnung abschaffen, meist auch Fleisch-, Alkohol- und Tabak-Konsum. Es gab „Gesinnungsriecherei“ und autoritär-egoistische Führer-Persönlichkeiten, die ganze Landkommunen in Schulden stürzten. Bis zum Schwachsinn urteilslose Schwarmgeister zelebrierten Pflanz-Aktionen wie Gottesdienste, und nicht nur bei den Anthroposophen waren Tief- und Unsinn eng verknüpft. Weihe in Permanenz schuf Narren, Zeloten und „Seelenkunst“. Günstige Plätze zum Siedeln suchte man mit Hölderlin und zuckender Wünschelrute. In „Eden“ gelang es immerhin, die Kinder-Sterblichkeit signifikant zu senken, ansonsten war den organisierten Siedler-Gemeinschaften („Sozialaristokratie“) ein baldiger Untergang vorprogrammiert. Nur wenn ihnen staatliche oder mäzenatische Gelder zuflossen (z.B. für Kinderheime), konnten sie länger bestehen. Die meisten Siedler endeten in der beruflichen und menschlichen Wiederanpassung an das verhaßte System. Umgeben von ablehnend eingestellten Alteingesessenen (der „Barkenhoff“ wurde besonders vom Maler Fritz Mackensen denunziert), gebeutelt von unzureichenden landwirtschaftlichen Erträgen, die Hunger zur Erfahrung werden ließen, blieben nur verklärte Bilder einer besseren Welt: „In Massen werden sie auswandern aufs Land und in weitgehender Innen-Kolonisation die ungenützten Landstriche und die unrationellen Ländereien der großen Güter bevölkern. Reicht unser Boden nicht, so finden alle gewiß reichlich Platz auf dem des benachbarten russischen Brudervolkes.“ Was sich nur in entgegengesetzter Richtung bewahrheitete. „Aber meine berauschte Phantasie hatte die Wirklichkeit wieder einmal in einer veredelten Verzerrung gesehen.“ Zur selbstversorgenden Besiedlung des Landes wären damals höchsten 10% der Städter geeignet gewesen. Jene landwirtschaftlich Ungebildeten benutzten notfalls ein großes Ölgemälde, um die Kuh vor Regen zu schützen, oder gründeten eine „Tanzfarm“. Um zu überleben, blieb man letztlich immer mit der kapitalistischen Wirtschaft in Verbindung, die man im Prinzip ablehnte, auch wenn man sein Klavier zur Anschaffung einer Kuh verkaufte. So verwandelte man sich schließlich in eine Firma. Die ewigen Idealisten waren jedenfalls in der Regel die größten Versager. Die besten Ergebnisse mit engstem Kontakt zu den umgebenden Bauern schienen noch reine Frauenkommunen zu erzielen, weil die Platzhirsch-Kämpfe der Männer entfielen. Jene, die aufgaben und die Gruppen verließen, blieben als ausgebeutete Besitzlose zurück. Auch als Reaktion auf die extreme Arbeitslosigkeit erwiesen sich alle Versuche, die Verstädterung rückgängig zu machen, als undurchführbar. Es gelang nicht einmal, die polnischen Landarbeiter in Ostelbien durch arbeitslose Städter zu ersetzen. Selbst wenn die Stadtmenschen eine Weile ausharrten, so konnten doch deren Kinder nicht für ein Verbleiben und für den landwirtschaftlichen Beruf gewonnen werden. Dabei war die Jugend damals noch nicht annähernd so dekadent wie heute. Die „innere Kolonisation“ war seit 1890 ein beständiger Fehlschlag. Rückverpflanzung landentwurzelter Menschen hat sich als Illusion erwiesen. Einer der wenigen, der übrigblieb, war Willy Ackermann. In einer Welt, die vom Wohlfahrtsstaat träumt, propagierte er Selbsthilfe: „Wir wollen nicht um die Welt herum, sondern immer tiefer in die Welt hinein! Und das kann der denkende Mensch auch ohne daß er um den ganzen Erdball läuft … Während die sogenannten Weltwanderer von der Dummheit der Menschen leben, die ihnen lediglich aus Sensations-Gier eine Postkarte abkaufen, während jene Mode-Weltwanderer den Schwachsinn ausnutzen, die Schwäche der Menschen fördern, wenden wir uns durch unsere ganze Art gerade an das Starke im Menschen, an sein Denkvermögen, an seinen Sinn für Freiheit!
Wir stoßen sogar bewußt solche Menschen ab, die zu faul sind, uns gegenüber ihre langweiligen Denkgewohnheiten und Vorurteile abzulegen … Dabei muß man die Hypnose loswerden, daß alles in der raffiniertesten und technisch höchsten Vollendung hergestellt sein müßte … mit energischer Absage an den Fortschrittsfimmel, mit dem man euch zu Sklaven gemacht hat.“ („Menschen auf der Landstraße“, 1931)
Quelle: Ulrich Linse, „Zurück o Mensch zur Mutter Erde“, 1983

Da isses doch erfrischend hoffnungsvoll, unter Menschen, die mit ihrem Heizkessel telefonieren, von Gottfried (52), dem Selbstversorger, zu hören, wie er mit Hilfe seines ausgeklügelten Systems Unterhosen 14 Tage lang tragen kann:
https://www.youtube.com/watch?v=n1cJTODlYB4
Und auch Jo Bentfeld, ein Aussteiger in Kanada, hat viel zu erzählen:
https://www.youtube.com/watch?v=IPUQYfuMmjY

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