Barmedichunser!

Auferstehung

„Auferstehung” wieder gelesen. Diesen ausdrucksvollen und großartigen Roman von Leo N. Tolstoj, dessen teilweise in purem Naturalismus vorgetragene Geschichte auf einem wirklichen Ereignis beruht. Die dabei etwas künstlich als Transporteur von Ideen konstruierte Figur des adligen Narren Nechljudow so voller anrührender Bezüge: „Seit zehn Jahren habe ich kein Tagebuch mehr geführt und dachte, daß ich nie mehr zu dieser Kinderei zurückkehren würde. Aber es war keine Kinderei, sondern eine Unterhaltung mit mir selbst, mit jenem wahrhaften, göttlichen Selbst, das in jedem Menschen wohnt. Diese ganze Zeit über schlief dieses Ich, und ich hatte niemanden, mit dem ich mich unterhalten konnte.“ Die Erstveröffentlichung 1899 gelingt nur mit 550 Streichungen der Zensur. Seine blasphemische Parodie eines orthodoxen Gottes-Dienstes hat 1901 Exkommunikation zur Folge: „Alle lebten nur für sich, für ihre Lust, und alle Worte von Gott und vom Guten waren Betrug … Diese Gebete erschöpften sich fast ausschließlich in Wünschen für die Wohlfahrt Seiner Majestät und der kaiserlichen Familie.“ (In Nordsulawesi jetzt pseudodemokratisch tiefergelegt, aber immer noch Einführungs-Floskel mit Aufzählung der Honoratioren!). Der Priester, der mit sonderbarer, falscher Stimme singt, trinkt alles Blut und ißt alle Stücke des Leibes Gottes auf. Gerade dessen Jesus hatte all das verboten, „was hier verrichtet wurde“. Und dann der nur Chaos erzeugende Versuch Nechljudows, seine Besitztümer zu sozialisieren. Der Kampf mit den Rinder- und Pferde-Besitzern, die seine Weiden und Wälder ohne Erlaubnis nutzen – so alt und international ist das Problem. „Wenn man allen gleich viel gäbe, so würden jene, die nicht selbst arbeiten, nicht ackern, ihren Anteil nehmen und ihn den Reichen verkaufen. Und so würde sich das Land wieder bei den Reichen ansammeln.“ Die Unmöglichkeit, helfend einzugreifen, sofern man dabei nicht schon von vornherein betrogen und bestohlen wird: „Kaum hatte man erfahren, daß der Herr den Bittenden Geld gab, begann das Volk, vorzüglich Weiber aus dem ganzen Distrikt, in Scharen zu ihm zu kommen. Necheljudow wußte überhaupt nicht, wie er mit ihnen verfahren sollte und wonach er sich bei der Entscheidung der Frage, wem er wieviel geben müsse, richten solle. Er fühlte, daß es unmöglich war, den bittenden und offensichtlich armen Leuten das Geld abzuschlagen, von dem er soviel hatte. Aber aufs Geratewohl denjenigen etwas zu geben, die darum baten, hatte keinen Sinn. Das einzige Mittel, sich aus dieser Lage herauszuhelfen, war, daß er abreiste.“ Mußte er auch mit den Dieben um die Wette laufen, um seine eigenen Früchte genießen zu können?
Und so endet der Roman: „Seit dieser Nacht begann für Nechljudow ein ganz neues Leben, nicht so sehr, weil er in neue Lebensbedingungen eintrat, sondern weil alles, was seitdem mit ihm geschah, für ihn eine ganz andere Bedeutung als früher bekam. Womit diese neue Periode seines Lebens enden wird, wird die Zukunft zeigen.“

Ein Gedanke zu „Barmedichunser!

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