Schlafende Architektur

Neurose

„Wie zu den Reisfeldern die Malaria, zu den Bergwerken die Staublunge, zur mittelalterlichen Stadt der Überfall der Pest, so gehöre zur Großstadt die Neurose … Die Suchtformen, die wir allerorts in unserer Gesellschaft antreffen, zeigen uns, daß elementare Hoffnungen und Wünsche des Menschen auch in der Überflußgesellschaft unbefriedigt geblieben sind.“
Alexander Mitscherlich (1908-82), „Großstadt und Neurose“, 1965

Bauen iss keine Privatsache! Wo kämwa denn da hin. Da gips ja nich nur die Nachbarn, die deine Bäume hassen, weilse in völlich unverantwortlicher Weise mit Blättern und Schatten werfen, nein, auch die Öffentlichkeit mit ihrem gesunden Volksempfinden iss angesprochen. Stell dir nur mal vor, du würdest nach deinem eigenen Wasser bohren und dich für deinen Müll verantwortlich fühlen, und denn stehn die Leute von der Stadt da mit ihrer Wasser-Leitung und ihrem Müllwagen, der ganz neue Gebirgszüge erschaffen kann, und wissen nich, wasse damit tun sollen. Und denn sollen die Städte ja auch schön aussehen, wie in den 50er Jahren, wo man mehr alte Sachen abgerissen hat, als durch den Krieg zerstört. Nee, da muß schon die Bauaufsichtsbehörde ran, die kaum korrupt iss, jedenfalls nich bei den kleinen Projekten. Die machen dann einen Bebauungsplan, wo festgelegt wird, wo’s langgeht und wie breit die Straße sein soll, wo die zahlreichen, liebe- und fantasievollen Kinderspielplätze angelegt werden und das viele Grün. Welchen Abstand das Haus von der Grundstücksgrenze haben und welche Fläche bebaut werden darf. Wieviel Geschoße, welche Dach- und Fensterform, Farbe der Ziegel, Gesimsausbildung, Vorgartenanlagen, Deckenhöhe, Treppenbreite und -Steigung, und wie de dich schön mit Styropor einpacken kannst, usw.. Den Rest kann der Bauknecht dann ganz frei gestalten. Und so isses gekommen, daß Architektur sich in Deutschland überall so hübsch und vielfältich entwickelt hat auf seinen reichen Einfamilienweiden, daß es eine Lust iss – es woanders zu probieren.

privy

Comic aus Friedmann/Wyniger, „Anamarama“, 1990
http://grimshaw-architects.com/project/the-eden-project-the-biomes/

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