Jons und Erdme

Arche

Eine der schönsten Erzählungen, die ich kenne, heißt „Jons und Erdme“. Natürlich bin ich nur deshalb so begeistert, weil sie mich persönlich berührt, doch kannte ich zumindest einen älteren Ostpreußen, dem sie auch so gut gefiel, daß es schwierig wurde, „Das Hermann Sudermann Buch“, welches ich ihm geliehen hatte, zurückzubekommen. Sudermanns (1857-1928) Erzählung von 1917 ist Hamsuns Roman „Segen der Erde“ (der erst 1918 in D erschien) sehr ähnlich und allemal so gut, wenn nicht sogar besser, nur kürzer. Jons Baltruschat und Erdme Maurus sind arme, junge Litauer in der Region meiner Vorfahren, die gemeinsam zu siedeln beschließen, denn „mit dem Besitzersein fängt das Leben doch erst eigentlich an“. Basierend auf ihrer Gütergemeinschaft von 66Mark übernehmen sie in der Kolonie Bismark im Rupkalwer Moor, „wo die Diebe und Mörder hausen“, 1 Hektar Gummiboden, den der preußische Staat vergibt, und machen ihn urbar. „Zwei richtige Lebenskämpfer, bereit, dem Schwersten standzuhalten und das Widrigste mit Schlauheit zu umgehen.“ In einer Landschaft mit schwarzen, vom Torf-Stechen viereckigen Teichen, erschlossen von Straßen aus Knüppeln und Lehm über rotbraunem Moorboden, „der unter ihren Füßen quatscht und einsinkt“, erhalten sie zuerst Unterschlupf bei wahnsinnigen Christen, wie es sie auch in meinem Moordorf gab. An jedem Sonntagabend versammeln sie sich: „Andächtige Lieder werden gesungen, Sündenbekenntnisse abgegeben [und notiert!], und meistens kriegt der Heilige Geist einen oder den anderen zu packen, so daß er aufsteht und mit Zungen redet, während die anderen horchen und weinen. Das ist dann ein rechtes Sonntagsvergnügen.“ Zuerst müssen Entwässerungsgräben ausgehoben werden, dann stehlen die Moor-Pioniere sich Baumaterial für eine einfache Kate zusammen. Auf der Suche nach Helfern („Ja, ja, das Bauen und das Begraben muß man schon immer gemeinsam verrichten.“) stößt Erdme auf einen allseits gemiedenen ehemahligen Raubmörder mit einem seltsamen Haus, der ihr eine Flutkatastrophe prophezeit. Erdme selbst hatte eigentlich höhere Ziele als dieses im Moorschlamm eingesunkene Schicksal, „der keinen Grund und Boden hat und nichts mehr hergibt, was er einmal mit seinen Wurzelfäden umwindet“. Doch fügt sie sich und pflanzt ihre Lebensziele stattdessen den 2 Töchtern ein, die sich mit wachsender Existenz-Sicherung einstellen. Das nun langsam mit einer himmelblauen Tür und Werbeplakaten für Hühneraugen-Ringe verschönerte Heim ist den heranwachsenden Töchtern dann auch bald nicht mehr gut genug, und für die Landwirtschaft eignen sie sich, von der Mutter verwöhnt, schon gar nicht. Besonders schlimm das winterliche Gefangensein in der verräucherten Kate: „Selbst das Fensterchen steckt manchmal tief unterm Schnee und muß am Morgen freigeschaufelt werden, damit man weiß, daß es Tag ist … Und in den Schlorren erfrieren die Füße.“ Nach und nach können sich die Neusiedler auch Tiere anschaffen. Die Ziege „heißt Gertrud, frißt aus dem Schweinetrog und stößt, wenn man sie melken will“. Dann werden die Moorbauern nach einem Dammbruch von der prophezeiten großen Flut ergriffen, und nur der Raubmörder kann sie retten, weil er in einer als Kate getarnten Arche lebt. Während er diejenigen, die ihn verachtet und gemieden haben, aus dem Wasser fischt, hängt an seinem Prahm ein schwimmendes Bett mit einer Ertrunkenen darauf. Selbst die Pioniere aus Königsberg erscheinen mit einem Extrazug zum Katastrophen-Einsatz. Auch diese Schwierigkeiten werden überwunden: „Hat es zwischen uns keinen Hader gegeben, als wir es schwer hatten, haben wir selbst die große Not einträglich überstanden – wo sollte er herkommen, nun es leichter und leichter wird?“ Doch wer sich als zu Höherem geboren empfindet und die Moorkrankheit bekommt, muß raus aus dem Sumpf, will nach Königsberg oder Berlin. Schon ihr litauischer Name ist den Töchtern viel zu gemein, und sie müssen sozial aufsteigend – mit Deutschen – verheiratet werden. Dafür stiehlt Erdme ihrem Jons schließlich sogar das Sparkassen-Buch, und er schlägt sie deshalb derb mit einem Pfahl nieder. Erdme zieht daraufhin zum Nachbarn, Jons verkommt, und die Töchter rauben für ihre Mitgift das Vaterhaus leer. „Der Jons ist so gut wie ein verlorener Mann … Aber was hilft das Vorwärtskommen, wenn einem zu guter Letzt alles wieder zunichte wird.“ So ist mit einemmal der Hader zu ihnen gekommen wie der Dieb in der Nacht. Die verheirateten Töchter, die sich verpflichtet haben, für ihre Mutter zu sorgen, verschwinden einfach mit allem Gut. „Da sieht Erdme ein, daß sie kein Dach mehr über dem Kopf hat.“ Verzweifelt will sie in ein Torfloch springen, doch sucht sie zuerst noch ihre Kate auf, wo sie wieder auf Jons trifft. „Wenn du bloß da bist“, sagt er, und sonst sagt er nichts. Weil die Töchter die Betten gestohlen haben, legen sie sich zur Nacht auf Stroh. „Wir fangen eben noch einmal von vorne an, das ist alles … Wenn du bloß da bist.“

2 Gedanken zu „Jons und Erdme

  1. Ja, und gut ist dabei sicher auch, dass du deinen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit, oke, hab das jetzt im Detail nicht weiter recherchiert, so öffentlich machen kannst. Stay Heavy and Stay Rock!!

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