Dornen und Stacheln

Taufschein-1792

„Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch vertreibt, so werden euch die, die ihr von ihnen übriglaßt, zu Dornen werden in euren Augen und zu Stacheln in euren Seiten.“ Anweisung Gottes über das Westjordanland (4.Buch Mose, 33,55)

Wer wissen will, wie das damals war, als Ostpreußen in eine verlassene Insel verwandelt wurde, der ist mit Arno Surminski (*1934) besser bedient als mit Günter Grass. „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ (1978), zwar ein Roman, doch voller authentischer Tragik wie Surminskis Schicksal, dem die Uhrensammler 1945 auch die Eltern stahlen. „Grunowen oder Das vergangene Leben“ (1989), jetzt mit größerem Interesse wiedergelesen, weil mein Heimat-Begriff inzwischen wesentlich mehr Pfeffer bekommen hat. Schon seit 43 Jahren kümmern mich die Probleme der Stadt-Neurotiker und die vielen Bilder der Reisenden wenich. Ich wollte ankommen, Wurzeln schlagen: „O ja, es bedeutet dem Menschen viel, wenn er mein sagen kann, wenn er seine Steine setzt, seine Bäume pflanzt, seinen Brunnen gräbt. Jeder braucht Eigenes, jeder will sein Reich, in dem sein Wille geschehe und er herrschen kann über seine Bäume, Mauern und Blumen.“ Eine Nachkriegs-Reise von der Lüneburger Heide in die alte Heimat schildert der Roman anschaulich wie ein Tatsachen-Bericht. Sogar ein Förster namens Dobatka kommt vor. Da, wo die Gutsherren ständich Probleme mit den masurischen Bauern hatten, weil jene in dem sonderbaren Glauben lebten, der liebe Gott habe Weiden und Wild für alle geschaffen, sich nach Belieben zu bedienen, da erschienen auch Kosaken immer wieder und raubten nich nur Bettzeug sondern auch Leben. Die Frauen verarbeitete man gleich an Ort und Stelle. Und so wählte der Ostpreuße die starken Männer als Garanten für Sicherheit: Zuerst Hindenburg, dann einen Gefreiten. 1938 entschieden sich 99,6% für Hitler, das Adolfche, der allen alles versprach und schließlich alles verspielte.
„Wenn man alt wird, kennt man mehr Tote als Lebende. Wir können uns kein neues Leben machen, deshalb leben wir das vergangene nach, erinnern und wiederholen es. Die Jungen interessiert es nicht, die haben genug zu tun mit ihren eigenen Umständen … Wir sind von Deutschland nach Ostpreußen gefahren und nicht angekommen. Ostpreußen ist versunken, es lebt nur noch in unseren Köpfen … Die Erde kann ausruhen von ihren Wunden und wieder Wildnis werden.“ Doch kaum sitzen die Heimgekehrten wieder am Kaffeetisch in der Lüneburger Heide, fängt Artillerie an, das Geschirr zum Klirren zu bringen. Zwischen Soltau und Bergen iss imma Krieg. Wenn ich nich aufpaßte, fuhr ich hinter einer Kurve direkt vor ein Maschinengewehr – wie mein Vater damals in Rußland – das iss ja der Sinn der Tarnung. „Haben die Alten endlich gelernt, daß es ein Wahn ist, wächst ihnen eine Generation nach, die von neuem beginnt. Neue Fahnen, neue Farben, aber immer der gleiche Rausch und die Überzeugung, nun endlich den richtigen Inhalt gefunden zu haben. Religiöse Fahnen, nationalistische Fahnen, Hakenkreuzfahnen, rote Fahnen, grüne Fahnen, Friedens-Fahnen – junger Wein in alten Schläuchen, aber immer die gleiche Psychologie.“

6 Gedanken zu „Dornen und Stacheln

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  2. hallo, das hört sich interessant an,
    das mit den augenblicken, wo alles gelinkt,
    würde auch gern mal einen ping backen, haap aba kein rezept nich!
    das gilt auch für meinen rezeptlosen heimatbegriff, der zunehmend alle materie los wird, was nich wundert wegen alter und der parallelen welt.

  3. Heute ping, morgen pong! Eina linkt imma. Manchma gelinkt auch ganix.
    Watten für ne parallele Welt? Wollnwa doch nich hoffen, daß es noch sowas gibt!

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