Yasunari Kawabata

Wasserkocher

„Sie saß in ihrem Wohnzimmer. Ihr Kimono war vor der Brust weit auseinandergeschoben. Mit einer kleinen Schere schnitt sie sich Haare von einem Muttermal ab, das handgroß ihre linke Brust zur Hälfte bedeckte und fast bis an den Hals reichte.“
Mit dieser Beobachtung eines kleinen Jungen beginnt die Erzählung „Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata (1899-1972) den befremdeten westlichen Leser in eine ihm unbekannte Ästhetik hineinzuziehen, in der die Tee-Zeremonie eine bedeutende Rolle spielt. Bei dieser Zeremonie handelt es sich um eine Ästhetisierung des Lebens, die intellektuelle Betrachtungsweise und sozialen Rang ausschließt, stattdessen spontane Übereinstimmung mit Natur und Schönheit im Tee-Haus zu erzeugen versucht. Die dabei benutzten traditionellen Gegenstände werden von Kawabata mit Gefühlswerten aufgeladen und sind doch letztlich nur Ausdruck einer untergehenden Kultur und der Dämonen, von denen die handelnden Personen besessen und gepeinigt werden. Die kostbar-antiken Teeschalen und anderen Gebrauchs-Geräte, in Japan mit unvorstellbaren Preisen gehandelt, werden dabei zu Erinnerungs-Stücken an die Personen, die sie benutzten, etwa ein vermuteter Lippen-Abdruck: „In der weißen Glasur schimmerte ein zartes Rot. Es verlangte Kikuji, die kühle und doch warm glänzende Oberfläche zu berühren … War es diese Stelle, die sie immer mit ihrem Mund berührt hatte?“ Um sich vom Bann der Dämonen zu befreien, muß sogar eine Tee-Tasse zerschlagen werden: „Es ist wohl eine Lieblingstasse Ihres Vaters gewesen, und er hat sie auf Reisen nicht missen wollen. Es ist eine Schale, die ihrem Vater ähnlich ist.“ Kawabata erklärte sich dagegen, seinen kurzen Roman als Schilderung der Kunst des Tees zu verstehen, „denn er ist eher ein kritisches Werk, in dem ich mich gegen die erniedrigende Form verwahrt habe, zu der diese Kunst heutzutage herabgewürdigt wird“.
Die ästhetische Störung, das Muttermal, ist gleichzeitig Hinweis auf Brüche im Charakter einer Teezeremonie-Lehrerin und in den gesellschaftlichen Konventionen: „Ich hätte meinem Kikuji nicht meine Brust mit einem Muttermal reichen mögen“, äußert sich die Mutter des Jungen, die nicht weiß, daß die Frau kurzzeitig Konkubine ihres verstorbenen Mannes wahr. Der erwachsene Sohn, von der Ex-Konkubine in den Engakuji-Tempel in Kamakura eingeladen, phantasiert darüber, ob sein Vater vielleicht in das Mal mit den Fingern gezwickt oder sogar hineingebissen habe. Es verfolgt ihn seit seiner Kindheit: „Im Geist sah er den Vater, wie er mit schmutzigen Zähnen in das Muttermal auf Chikakos Brust biß; und diese Gestalt seines Vaters hatte etwas mit ihm gemein.“ Die haßerfüllte Tee-Meisterin versucht erfolglos in Kikujis Leben einzugreifen, der sich wiederum mit einer, von seinem Vater wirklich geliebten, fast 20 Jahre älteren Konkubine einläßt, die in ihm Erinnerung sucht und sich schließlich umbringt, damit sich Kikuji um ihre Tochter kümmert: „Yukikos Augen und Wangen waren Kikuji so gestaltlos wie das Licht der Sonne; Chikakos Mal hingegen, das von der Brust bis an den Hals reichte, war ihm so leibhaftig wie eine Kröte.“
Kawabatas Meister-Erzählung endet plötzlich und offen. Sicher erscheint nur, wie das Böse erhalten bleibt.

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