Adalbert Stifterlein

Steinsucher

„Als Knabe trug ich außer Ruten, Gesträuchen und Blüten, die mich ergözten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge.“

So wie Adalbert Stifter (1805-1868) geht es mir heute noch. Damals suchte ich in den Harz-Vorbergen um Hildesheim herum Versteinerungen. „Hexen-Pfennige“ gab es da zu finden, eine Art zylindrische Seepocke, und sogar Muschel-Abdrücke. Das Land mußte sich also vor langer Zeit unter Wasser befunden haben. Was für ein geheimnisvoller Gedanke. Später kam ein großer Bergkristall aus Südfrankreich dazu, und bis heute sind es die kleinen, vermeintlich wertlosen Dinge, die meine Aufmerksamkeit stärker hervorrufen als Kunstgewerbliches. Doch wieso zieht ausgerechnet das „Fundstück“ aus New Orleans so viele Leser an? Aus irgendeinem zufälligen Grund müssen es einmal mehr gewesen sein, als bei anderen meiner Posts, dann wurde er als meistgelesen aufgeführt, bekam so noch mehr Zugriffe und wurde zum Star-Artikel, ohne daß es dafür einleuchtende Gründe gäbe.
Auch Adalbert Stifters „Bunte Steine“ haben ihren Sub-Text. 1853 als Lektüre für Kinder konzipiert, schienen dem Dichter die Kurzgeschichten letztlich nicht einmal für Jünglinge geeignet. 6 krampfhaft unter dem übergreifenden Titel zusammengestellte Erzählungen, die bis auf eine schon vorher mit anderen Überschriften existierten. „Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.“ Dies trifft allenfalls auf die Erzählungen „Granit“ und „Bergkristall“ zu, die im bäuerlich-handwerklichen Millieu angesiedelt sind. „Kalkstein“, „Turmalin“, „Katzensilber“ und „Bergmilch“ spielen im gehobenen Bügertum bis hin zum Schloß-Besitzer. Dabei ist es gerade die sterile Künstlichkeit seiner Figuren, die auf die Nerven geht:
„Amen, teure Schwiegermutter“, sagte die Frau, „das ist ein trostreicher, herzlindernder Glaube.“
„Gib dich ihm hin, und du wirst dein Leben lang gut fahren“, antwortete die alte Frau.
Das hemmunglos kindische Diminutiv macht die Sache noch ärger. Allein auf einer Seite wird mit den Füßlein schlanker Körperchen über Hügel und Täler gewandert, mit Händchen in Körblein gesammelte Haselnüsse bekommen braune oder rosenfarbene Wänglein, man sitzt auf Bänklein, wickelt gefundene Flinserchen in Papierchen ein und tut sie in Schürzensäckchen, bewegt sich durch Wäldchen, und auf den Bergen zeigen sich kleine Täfelchen von Schnee – offensichtlich winzige. Seine Kunstfiguren von edler Einfalt und stiller Größe sind von solch einer Sittlichkeit und Güte im Umgang miteinander, daß man sich fragt, wie sich jemals ein Nazi in Österreich und Bayern entwickeln konnte. Hebbels Kritik, er kenne die Menschen nicht, war insofern nicht berechtigt, als Stifter reichlich mit sich selbst und anderen Probleme hatte. Zwar war die Kunst für ihn die irdische Schwester der Religion, er selbst jedoch ein Fresser und Säufer, der die Schrecken seiner Leberzirrhose dadurch beendete, indem er sich mit einem Rasier-Messer die Halsschlagader aufschnitt. Daß ich ausgerechnet „Bunte Steine“ im Nachlaß meines Stiefvaters fand, lag sicher nicht am sentimental-religiösen Geschwafel, am langatmigen Stil, sondern eher an den genauen Naturbeobachtungen, die den Professor für Biologie interessierten. Auch gab es da eine Parallele zum Selbstmord seiner Tochter. Doch artikulierte Stifter nicht die Abgründigkeit des Menschen mit der „tigerartigen Anlage“, nicht die Verschwendungssucht seiner Frau, die ihn u.a. in den Ruin trieb, nicht die Entäuschung als Pädagoge, sondern er wollte gerade eine betont erzieherische Sinn-Gebung in seinen Texten. „Ich glaube, daß es keine andere Krankheit der Zeit gibt als Unwissenheit und Unredlichkeit, und daß alles Übel, das in jüngster Vergangenheit die Welt heimgesucht hat, allein von diesen zwei Dingen gekommen ist.“ Und ist seine von Hebbel kritisierte Methode nicht ungemein modern? „Es fehlt nur noch die Betrachtung der Wörter, womit man schildert, und die Schilderung der Hand, womit man diese Betrachtung niederschreibt.“ Auch kann man nicht behaupten, es gäbe bei Stifter keine explosive Action: „Die Kinder gingen in der Kühle mit der Großmutter in die Luft.“
Und richtig bemerkte Stifter, wie man in Frankreich mit Napoleon umgeht: „Die Menschen, welche den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen Entsetzliches, und daß ein solcher, der ihn mutwillig entzündet, wie sehr ihn später verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott verehren, doch ein verabscheuungswürdiger Mörder und Verfolger der Menschheit ist, und sie meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten nicht, daß andere Zeiten und andere Menschen kommen würden, die den Krieg nicht kennen, die ihre Leidenschaften walten lassen, und im Übermute wieder das Ding, das so entsetzlich ist, hervor rufen würden.“

Berkristall

Titelbild von Ludwig Richter

5 Gedanken zu „Adalbert Stifterlein

  1. Männer, die mit Diminutiv so um sich streuen wie mit Kuchenkrümeln, haben meiner Beobachtung nach eine fiese Erotik. Mich graust.

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