Die Gerechtichkeit

wassergeschoepf

Weiß nich, ob schon ma jemand mit geschlossenen Beinen Wassa geschöpft hat. Sieht mehr nach ner Ballett-Nummer, ner KdF-Eimaschwing-Übung oda Wassa-Yoga aus. Hier hängt man sich so einiges ans Schulter-Joch: Mörtel, tote Fische, ambulante Suppen-Küchen und Schuster-Werkstätten. Das Fluß-Wassa wär allerdings zu schmutzich. Aba sonst iss alles sehr naturalistisch an dem Mädchen. Nix hängt wie bei Otto Dix, und die Falten sind da, wose hingehören. Nur der Handgranaten-Abzugsring, den die Göre am Ohr trägt, iss ungewöhnlich. Noch echta würd es ja wirken, wenn man se direkt am Spree-Ufa aufgestellt hätte. Bloß bei Hochwassa wär das denn, als ob se angelt. Wennse dann das Wassa geschöpft hat, gehtse nackt und barfuß durch Berlin zur Fahrrad-Reparatur-Werkstatt ihres Vatters, der das Wassa braucht, um die Löcher in den Fahrrad-Schläuchen zu finden, und die Leute hinta den Gardinen murmeln: „Da gehtse wieda, die Varückte!“
Doch weist son Kunstwerk ja üba sich selbst hinaus, sodaß wir uns fragen müssen: Was sollas?
Ganz klar. Es handelt sich um die Allegorie der Gerechtichkeit. Jene iss so aufen Hund gekommen, dasse wegen der allgemeinen Betrügereien ihre Wassawaage nachfüllen muß. Auch hat Justitia ihre Klamotten vagessen, weilse varückt geworden iss im Angesicht des real existierenden Existentialismus. Außadem kannse ja mit ner Augen-Binde nich Wassa nachfüllen. Ich wa ma mit ner Varückten befreundet, die auch manchmal nackt rumlief. Leida hab ich se nich gemalt sondan vaprügelt.
Der Bildhauer, der diese Göre nich gehauen sondern geformt hat – wennich sogar vom Ogginal abgeformt – hieß Johannes Gottfried Götz (1865-1934). Als Schüler von Reinhold Begas, dem Hauptrepräsentanten des Berliner Neubarocks, gelang es ihm 1892 mit dieser Wasserschöpferin einen Studienaufenthalt in Rom zu gewinnen. Sein Schnurrbart war noch bizarrer als der von Kaiser Wilhelm II., dessen Wertschätzung der Vielbeschäftigte genoß. Auch gabs die Schöpferin als Postkarte. Man muß dabei bedenken, daß man ja noch keine Internet-Pornos zum Anklicken hatte, und die Jugendlichen und Kinderschänder extra die Nationalgalerie besuchen mußten, um festzustellen, wie son Mädchen eigentlich aussieht. Solche Kunstwerke glypten in Glyptotheken herum, deren scharfer Teil nur Erwachsenen zugänglich war. Latürnich wurde der Genuß dabei voll sublimiert, indem man sich nur an Ästhetik und Harmonie des nackten Körpers erfreute, dessen Form „aus den großen Quellen der Mutter Natur“ geschöpft wurde, wie Kaiser Wilhelm II. es 1901 in seiner Rede zur Einweihung der Siegesallee ausdrückte. Dabei wies ER ausdrücklich darauf hin, die Künstler sollten sich vor „Windlehren“ hüten, die aus dem Rinnstein stammen. Vielmehr sollten sie gemäß des von IHM entwickelten Programms, das dem entspräche, was „jedes Menschen Brust fühlt“, und das „anderen Völkern mehr oder weniger verlorengegangen“ ist, Kunst schaffen, die „kaum je in der Renaissancezeit schöner hätte sein können“. Wer dagegen das „Elend noch scheußlicher“ darstellt, „versündigt“ sich am deutschen Volke. Und damit erhob Seine dezent ärmlich degenerierte Majestät das Glas und trank auf das Wohl der Künstler: „… und nochmals Meinen herzlichsten Dank.“
1954 hat man die Skulpturen der hohenzollernschen Propaganda-Allee wegen ihrer extremen Blödheit vergraben und 1978 wieda ausgebuddelt.

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