Die Wahrheit grillen oder Der Wahrheit Grillen

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So verfielen denn die Jünger Marcuses, die jugendlichen deutschen Gegner der Konsum-Gesellschaft, die politischen Idealisten und Romantiker der späten sechziger Jahre bei ihrer Suche nach Ursprünglichkeit, Spontaneität, Fraternität und neuer Unschuld – bei ihrer rousseauistischen Suche nach dem „Guten Wilden“, dem bon sauvage, der ja nur in der Dritten Welt existieren konnte – auf die wackeren Untergrundkämpfer des Vietcong, die dem imperialistischen und kapitalistischen Giganten USA erfolgreich die Stirn boten … Spätere Studien und wissenschaftliche Analysen werden vielleicht eines Tages enthüllen, in welchem Umfang das intensive Vietnam-Erlebnis der jungen Deutschen, auch wenn es sich aus extremer Ferne vollzog, zur Bewußtseinsveränderung in der Bundesrepublik und zur gründlichen, oft fruchtbaren Entkrampfung gewisser Gesellschaftsstrukturen beigetragen hat.
Peter Scholl-Latour, „Der Tod im Reisfeld“, 1979

Als sich der südvietnamesische Mönch Quang Duc selbst verbrannte, war ich 15, verfolgte die wenigen Berichte im „Spiegel“ und im TV und war noch weit entfernt von einer irgendwie fundierten Bewertung oder gesellschaftlichen Theorie. Deutlich schien nur, daß da ein Protest gegen die vermeintlich Guten zum Ausdruck kam. Doch wer wußte in jenen Tagen um die Hintergründe, wenn sogar die amerikanische Regierung immer wieder – bis heute – Opfer von Fehleinschätzungen wurde. Wer hatte die Chance zu verstehen, was gespielt wurde, bevor Daniel Ellsberg den geheimen Vietnam-Report veröffentlichte? „Vor 1965 hat tatsächlich niemand etwas über Vietnam gewußt.“ (Prof. Stephen Young). Die Mutter von Jack Pittman, der als 19jähriger starb, dachte, Vietnam läge irgendwo bei Panama. Junge Amerikaner, die sich der Wehrpflicht entziehen wollten, hatten die Wahl zwischen 3 Jahren Gefängnis, lebenslänglich Kanada oder 1 Jahr Vietnam mit dem zunehmenden Risiko von Tod oder Verstümmelung. Soldaten in Vietnam bekamen Postkarten wie diese: „Wir vom Frauenkreis der Ersten Baptisten beten für Sie. Der Frauenbibelkreis verschickt diese Karte an Kirchenmitglieder, um sie zu erinnern, daß Gott die Liebe ist. Sein Wille geschehe.“
Nie eignete ich mich als Fan der Kommunisten – das paßte einfach nicht zu meiner Sozialisation – doch inwieweit ich die Südvietnamesen als Opfer der Amerikaner, der Nordvietnamesen oder der eigenen Korruption ansah, schwankte erheblich mit wachsender Information. Wie sie Opfer der Christen wurden, ist mir erst sehr spät klar geworden – durch die Erfahrung aggressiver Missionierung in Indonesien. Schon seit 1516 mußte Vietnam Jesuiten und Franziskaner im Land dulden, die bis 1700 bereits 1/10 der Bevölkerung konvertiert hatten. Daraus entstanden Christenverfolgungen, die Frankreich den Vorwand gaben, seinen Imperialismus zu bestärken. Noch im Sterben soll Kaiser Tu Duc die Franzosen verflucht haben, die laut Präsident Roosevelt Vietnam 100 Jahre lang „gemolken“ hatten.
Das Land mit einer Mehrheit von 70-90% Buddhisten wurde seit 1954 von einer Minderheit aus knapp 2Millionen Katholiken beherrscht. Wobei Scholl-Latour betonte, „daß die Buddhisten überhaupt nicht repräsentativ für dieses zutiefst konfuzianistische Volk waren, daß die Lehre Gautamas als Zufluchtsreligion der kleinen Leute nur am Rande existierte“. Doch der katholische Diktator Diem und seine Schwägerin Madame Nhu glaubten, 17Millionen Südvietnamesen mit Ausbeutung und Vetternwirtschaft in einem von Katholiken dominierten System unterdrücken und gleichzeitig der Aggression aus dem Norden Widerstand leisten zu können. Wie in anderen katholisch beherrschten Ländern zuvor war die Römische Kirche die größte Landbesitzerin geworden. Ganze Dörfer sahen sich gezwungen zum Katholizismus zu konvertieren, um überhaupt an Hilfsgelder zu gelangen. Obwohl die Mehrheit die Katholiken als auslandshörige Minderheit haßte, ließ Diem 1963 zum 25.Jahrestag der Bischofsweihe seines Bruders – wie zu allen öffentlichen Feiern überall in Südvietnam – die Fahnen des Vatikans hissen. Als die allgemein diskriminierten Buddhisten einige Wochen später zu Buddhas Geburtstag flaggen wollten, wurde das von jenem Bischof verboten. Daraufhin brach in der Folge der ersten Selbstverbrennung ein buddhistischer Aufstand los, den der Präsident rücksichtlos niederschießen ließ. Madame Nhu, die nicht einmal vietnamesisch schreiben konnte – ihre Reden entwarf sie auf Französisch und ließ sie ins Vietnamesische übersetzen – verhöhnte die Protestierenden noch, indem sie die Selbstverbrennungen als „Barbecue“ bezeichnete, für das sogar importiertes Benzin benutzt würde. Während die Amerikaner das Regime stürzen ließen, betonte Scholl-Latour, daß unter Diem eine gezielte Unterwanderung der Pagoden durch Agenten des Vietcong stattgefunden hatte. Für seine impressionistischen Erlebnisse waren die Missionare, wenn sie „die Statur und das Gottvertrauen eines Kreuzfahrers“ besaßen, die „zuverlässigsten Informationsquellen“ in der ganzen 3.Welt und „in der Nüchternheit ihrer Analysen ihren protestantischen Amtsbrüdern überlegen“. Über den Pulitzer-Preisträger und engagierten Diem-Gegner David Halberstam urteilte er: „für die Hintergründigkeit Südostasiens hatte er wohl weniger Gespür als für die schicke und schöne Welt der amerikanischen Ostküste“. Dagegen begeisterte sich der konservative Katholik Scholl-Latour daran, wie man 1976 in der Kathedrale von Hanoi noch die lateinische Meßliturgie zelebrierte, dessen Abschaffung im Westen er als „schmerzlich“ empfand. Und so kniete er dort nieder am Tag, an dem die Himmelskönigin zu ihrem göttlichen Sohn aufgefahren war, und bekreuzigte sich. Persönliche Erfahrungen in Krisenregionen hätten bei ihm meist gegenüber Sachargumenten im Vordergrund gestanden, so munkeln manche.

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