Dolchstoß-Legende

Evakuierung

Die Schwierigkeiten einer angemessenen Darstellung der Geschichte Vietnams werden auch in den 13 Vorlesungen von Prof. Stephen Young deutlich, die er 2010 im „Vietnam Center“ Minnesota hielt. Begeisternd seine detaillierte Sachkenntnis, seine Beherrschung der vietnamesischen Sprache und auch der freie, lebendige Vortrag. Schon Youngs Vater war Südostasien-Beauftragter der amerikanischen Regierung, er selbst ist mit einer Vietnamesin verheiratet, arbeitete als Freiwilliger im Pazifizierungs-Programm und für die Evakuierung der Flüchtlinge beim Zusammenbruch Südvietnams. Trotzdem entstehen Zweifel, inwieweit er eine objektive Bewertung der Ereignisse vorgestellt hat:
Kann man es wirklich als national-typische Eigenschaft der Vietnamesen einstufen, nicht „herumgeschubst“ werden zu wollen?
Ist die offensichtliche Grausamkeit der Kommunisten Nordvietnams eine ebensolche Eigenschaft? Gibt es tatsächlich eine für Asiaten typische Grausamkeit, oder ist das nicht vielmehr ein atavistischer Rest im unzureichend domestizierten Menschen, der in unterentwickelten Gesellschaften nur krasser zutage tritt?
Inwieweit läßt sich Geschichte überhaupt in mehr oder weniger poetisch-mageren Selbstdarstellungen einer Oberschicht erkennen, wenn die Bevölkerung aus 80% analphabethischen Bauern und Fischern besteht, die nur 12% des Landes besaßen? Ein eher materialistischer Ansatz für Geschichts-Analyse – auch der rein militärischen Vorgänge – liegt Young offensichtlich nicht.
Welch notwendige Reformfähigkeit für das Bestehen in der Moderne konnte man von einer Gesellschaft erwarten, die derartig stark in okkulten und feudalistischen Vorstellungen befangen war? Dagegen bot die aufklärerische Komponente des Kommunismus einen klaren Vorteil.
Doch Young reduziert die Geschichte Vietnams am Ende zu einer Geschichte des Verrats: Die Franzosen und die amerikanische Presse haben die Anti-Kriegs-Bewegung manipuliert, und jene ließ die Südvietnamesen im Stich, obwohl man bereits am Siegen war. Kein Wort über die Vergeblichkeit, mit Flächen-Bombardements Guerilla-Bewegungen auszuschalten, nichts über das „Pazifizieren“ ganzer Dörfer mittels Napalm, kein Hinterfragen des illusionären Body-Counts, nichts über das Massaker von My Lai. So bleiben Youngs Darstellungen weit hinter den Details, die Neil Sheehan in „A Bright Shining Lie“ (1988) aufführte: wie die teilweise vernünftigen Ansätze des Pazifierungs-Programms durch die Korruption der südvietnamesischen Führungsschicht sabotiert wurden, die sich nicht für das Schicksal der Landbevölkerung interessierte, und demonstrieren, wie Youngs große Nähe zum untersuchten Gegenstand und seine Entäuschung über das Scheitern der eigenen Bemühungen nicht unbedingt zu objektiver Erkenntnis führen. „Der längste Krieg dieses Jahrhunderts war ein Krieg, den Amerika gegen Vietnam führte, Nord- und Südvietnam.“ (John Pilger). Dirigiert von der CIA, die mißhandelte Bauern mit Uncle Ben’s Kochbeutelreis, Schokoladenriegeln, Partyballons, Zahnbürsten und batteriebetriebenen Spülklosetts zu besänftigen versuchte. Warren Parker, US Botschafter, meinte während der chaotischen Evakuierung in Saigon: „Ich bin jahrelang hier unten gewesen, hab‘ für mein Land und dieses Land gearbeitet, und heute muß ich festellen, daß wir es geschafft haben, die guten Leute vom Abschaum abzusondern … und auf unserer Seite ist der Abschaum.“ 1985, 10 Jahre nach Ende des Vietnam-Kriegs, wußte mehr als 1/3 von befragten US-Bürgern nicht, auf welcher Seite Amerika eigentlich gekämpft hatte.
Nebenbei: Der YouTube-Post des 1.Vortrags zeigt 5708 Aufrufe, der des 13. nur noch 459 in 10 Monaten. So viel zum Internet als Bildungs-Medium. Die Vorträge von Prof. Stephen Young sind allerdings auch eher dem Bereich subtiler Propaganda zuzuordnen. Eine schwach besuchte Veranstaltung südvietnamesischer Flüchtlinge für Menschen, die nicht begreifen können, daß in Afghanistan die Wahnidee vom fundamentalistischen Kreuzzug erneut Gestalt bekommen hat. Da halte ich mich doch lieber an die Lehre der Tropen.

https://www.youtube.com/watch?v=PBdh19BalQk

2 Gedanken zu „Dolchstoß-Legende

  1. Pingback: Man fällt wieda | Flaschenpost

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