Bedingungen der Armut

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Zu den beindruckendsten Büchern meiner Jugend – ich fand es 1967 als Student an einem Stand in der Hauptbahnhofs-Vorhalle in Hildesheim und nicht auf der Literatur-Liste, die ich von meinem Deutschlehrer bekommen hatte – gehörte „Die Kinder von Sanchez“ von Oscar Lewis (1914-1970). Weshalb mir noch heute wissenschaftlich-dokumentarische Texte allemal wichtiger sind als Romane oder womöglich poetische Ergüsse. Lewis lehrte Anthropologie in den USA und untersuchte seit 1943 mexikanisches Familienleben. Neu war der Einsatz eines Tonbandgeräts und die Rarität der Beschäftigung mit den unteren Volksschichten. Der dabei entstandene soziale Realismus wurde – anders als bei Maxim Gorki – unbewertet dokumentiert. Dabei stellte Lewis die Aussagen des Familien-Vaters den Aussagen seiner 4 Kinder zum gleichen Thema gegenüber. Das so illustrierte Netz aus Gewalttätigkeit, Kriminalität, Korruption, aber auch die Grausamkeit der Armen gegen ihresgleichen, ergibt nicht nur ein Sittenbild, wie es meiner sozialen Situation nicht ferner sein konnte. Ich lernte, wie unterschiedlich sich Menschen gegenseitig erfahren. Jeder hat seine irgendwie berechtigte Perspektive, und die Lebenslüge wird erst – mit Vorbehalt – aus den Aussagen der anderen deutlich. Heute, wo ich von einem derartigen Millieu umgeben bin, könnten die Erzählungen von meinen Nachbarn stammen, und sie unterscheiden sich nicht wesentlich von dem, was ich an dieser Stelle oft genug beschrieben habe.
Der einzige der 5 Interviewten, der eine gewisse Reife zur Lebensbewältigung unter den schwierigen Bedingungen der Armut zeigt, ist der Vater Jesus Sanchez (50). Er meint, daß die Jugend in der Stadt der Sittenverderbnis ausgesetzt und nicht fähig sei, das ihr dort Gebotene nützlich zu verwerten: „Verwöhnte Kinder können sich nicht entwickeln und stark und unabhängig werden. Sie haben immer Angst … Wenn die Kinder erwachsen sind, werden sie wütend, wenn der Vater wieder heiratet. Neulich las ich, daß eine Mutter von ihren beiden Söhnen verprügelt wurde, weil sie sich zum zweitenmal verheiratete. Und in Mexicali brachten die Söhne ihren Vater um, als er heiraten wollte, aber das war wegen der Erbschaft. Es müssen Wilde gewesen sein, die so etwas taten, oder sie waren betrunken! … Nur einmal im Jahr, am 1.Mai, ruhe ich mich aus. Es gibt immerzu Geld-Schwierigkeiten. An einem Ende zahlt man, und am anderen hat man Schulden … So wie ich die Dinge sehe, finde ich an meinen Landsleuten, an den mexikanischen Katholiken, eine Menge auszusetzen, denn sie machen viel dummes Zeug … Daß unsere Seelen im Fegefeuer leiden müssen, glaube ich nicht. Wer ist denn schon mal da gewesen und wiedergekommen, so daß er uns davon erzählen könnte? Wir brauchen Beweise! … So etwas wie Zauberei gibt es nicht, es ist unsere eigene Torheit, nicht Hexerei, und wer dafür Geld ausgibt, ist dumm … Der größte Fehler, den wir Mexikaner machen, ist, daß wir so früh heiraten, ohne Geld, ohne Ersparnisse oder eine feste Arbeit zu haben. Wir heiraten, und ehe wir’s uns versehen, haben wir das ganze Haus voller Kinder. Dann sitzen wir fest und kommen nicht mehr vorwärts … Die Leute wissen mit ihrem Geld nicht umzugehen … Es fehlt an der Fürsorge der Eltern, am Verantwortungsgefühl und am Geld … Auch die Gewerkschaftsfunktionäre helfen uns nicht; sie stecken alles in die eigene Tasche … Die Gewerkschaft ist für mich eine Falle, in der man die Masse der Arbeiter ausbeutet … Es gibt nichts Schmutzigeres als die Politik.“
Während sich die künstlerische Form in Unterscheidung und Selektion manifestiert, besteht das Erzählte aus einem großen Durcheinander – eben wie das Leben selbst. Damals gab es keine Literatur, die die gewaltigen kulturellen Umschichtungen in den Entwicklungsländern wiederspiegelte. Vielmehr wurde meist ohne Bezug zur Masse des „Lumpenproletariats“ das Seelenleben des Mittelstandes und der Oberschicht ergründet. Dagegen erweist sich Armut als eine bemerkenswert stabile und beständige Lebensform, die vererbt und zur nationalen Subkultur wird, die sich mit dem Gefühl von Resignation auf unmittelbare Gegenwart gerichtet charakterisieren läßt. Man mißtraut den korrupten Behörden ebenso wie der Gewerkschaft, kann sich nur Gesundbeter leisten, hat aber auch Angst vor Krankenhäusern. „Wenn es ums Geld geht, kann man nicht einmal den eigenen Verwandten trauen. Die Leute raffen an sich, was sie können … In den meisten armen Familien … kommt es zu Streit und Unglück, weil nicht genug Geld da ist.“ So erscheint die Familie als Sicherheits-Netz und Falle zugleich.
Manuel (32): „Leute, die besser dran sind als wir, können sich den Luxus leisten, ihre Söhne in einer idealen Welt leben zu lassen, wo sie nur die guten Seiten des Lebens sehen, sie können sie vor dem Umgang mit verdorbenen Kameraden bewahren und vor schmutzigen Worten, brauchen Gefühle nicht durch brutale Auftritte zu verletzen und bezahlen ihnen alles, was sie wollen. Dafür gehen ihre Kinder dann mit geschlossenen Augen durch die Welt und sind im wahrsten Sinn des Wortes naiv … Vor allen Dingen aber blieben sie arm, weil sie gern tranken … In den mexikanischen Gefängnissen sind von 100 Sträflingen 99 Katholiken! … Und erst die Priester! Von denen war ich auch enttäuscht, denn sie befolgen Gottes Gebote nicht … Meiner Meinung nach sind die Methoden der mexikanischen Polizei die der bestorganisierten Gangsterbande in der ganzen Welt … Die rühren sich nämlich erst, wenn Sie gezahlt haben.“
Roberto (29; „Er wollte nicht arbeiten, darum ging er zum Militär!“): „In diesem Land hilft kein Mensch dem anderen … und wenn jemand nach oben will, ziehen die anderen ihn herunter … Mir ist es wirklich egal, welcher Kandidat durchkommt, denn sie plündern ja doch alle nur das Volk aus.“
Das in Mexiko zeitweise verbotene Buch ist 1978 sogar verfilmt worden mit Anthony Quinn als Jesus Sanchez. Gesehen hab ich den Film nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er die Drastik des Beschriebenen realistisch wiedergibt. Stattdessen sah ich „Los Olvidados“ von Luis Bunuel. Erschütternd genug.

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