Voll im Suff

SPDblau

Am liebsten hätten die Kommunisten in ihrer Gründungsphase auch die freie Liebe verboten, denn nichts sollte die Energien für den Klassenkampf absorbieren. Zumindest mit dem Kampf gegen den Alkoholismus haben sie es erfolglos versucht. 1907 waren etwa 12% der Bevölkerung des Deutschen Reichs Alkoholiker. Alljährlich landeten ~5000 Alkohol-Wahnsinnige in den Irrenhäusern. Doch scheiterte man in der Konfrontation an der Macht der konventionellen Trinksitten. Bis heute wird der mißliebig, der den Mut hat, bei den dafür vorgesehenen Gelegenheiten keinen auszugeben. Selbst im akademisch besetzten Lehrerzimmer – was mir als überzeugtem Außenseiter schnurzegal war. Mein Moordorf erreichte mit seinen Suff-Festen sogar mediale Berühmtheit. Die deutsche Sprache soll allein 190 Ausdrücke und Bezeichnungen für Trinken und Betrunkensein aufweisen. Und so wollten auch die Führer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung von einer Bekämpfung des Alkoholismus nichts wissen. Man war vielmehr der Ansicht, das Wirtshaus sei bedeutend für das politische Leben des Proletariats und sah die Temperenz-Bewegung als Gefahr für den Emanzipations-Kampf an. Die „Leipziger Volkszeitung“ schrieb 1905, daß Alkohol-Genuß dem erwachsenen arbeitenden Menschen Anregung und Frieden, körperliche und geistige Elastizität gäbe. Das Problem lag aus Sicht der Sozialdemokraten in den ungünstigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Mit deren Verbesserung in einer fernen Zukunft würde auch das chronische Saufen aufhören. Während selbst die Bourgeoisie an Gegenmaßnahmen arbeitete, in dem sie z.B. den Zusammenhang zwischen Suff und Arbeits-Unfällen erkannte, schmetterten die Sozialdemokraten alle diesbezüglichen Anträge ab, und Parteiführer setzten sich demonstrativ vor ihr Schnapsglas. Erst nach Branntweinsteuer-Erhöhungen versuchte der Leipziger Parteitag 1909 seine Mitglieder erfolglos zum Alkohol-Boykott zu motivieren. Stattdessen standen Partei-Lokale, Volks- und Gewerkschafts-Häuser völlig im Zeichen des Alkoholismus. Bis heute ist das Leben in D in all seinen Formen ohne Alkohol nicht mehr denkbar, und es ist bisher nicht gelungen, eine rationale Drogen-Gesetzgebung in Kraft zu setzen, die dem bereits etablierten Kulturwandel Rechnung trägt:
Der Erkenntnis, daß keine Verbesserung der Lebens-Verhältnisse mit dem Mehrwert des Drogen-Rausches konkurrieren kann. Um dem zu begegnen, müßte eine völlig veränderte (gesamtgesellschaftlich utopische) Lebenseinstellung wirksam werden.
Daß der Genuß der nicht minder traditionellen Hanf-Produkte erheblich harmloser (und billiger) ist als Alkohol. Man also nicht die gefährlichere Droge gesellschaftlich sanktionieren und die harmlosere verbieten kann, ohne auf dem irrational-autoritären Niveau eines Entwicklungslandes zu verharren.

7 Gedanken zu „Voll im Suff

  1. Gut, so insgesamt, aber nachdem ich Kiffer schrecklich anstrengend finde. wäre mir lieber, es würde sich bei medizinischer Freigabe einpendlen, denn auch normale Tabak-Raucher kann ich ebensowenig ab wie Alkis.

  2. @puzzleblume: Das läßt sich auch umkehren. Für den entspannten Hanf-Konsumenten können diejenigen furchtbar anstrengend sein, die anfangen zu kotzen, die „Bei mir wirkt es übahaupt nich!“ feststellen oder „Wasn Horror-Trip!“ von sich geben. Am anstrengendsten sind jedoch die Alkoholiker, die aus vollster Überzeugung strikt gegen Drogen sind.
    Hanf-Produkte auf Rezept wolln wa nich. Rauchen muß man sie nich, man kann sie auch als sehr leckere, völlich unanstrengende Kekse zubereiten. Ideal als Weihnachts-Gebäck! Iss ja bald wieda so weit.🙂

  3. Was soll denn „Bei mir wirkt das nicht“ oder andere rein innerliche Wirkungen für eine Argumentation dagegen sein? Dann lässt man es eben. Mir geht es um das Miteinanderleben.
    Kommunikation ist verdammt schwer mit jemanden, der sich in einem Raum-Zeit-Kontinuum aus Pudding befindet.

  4. Ich halte Kommunikation sowieso für einen Glücksfall mit Verfallsdatum. Mit Drogen bekommt man eventuell Verlängerung. Aba es könnte schon sein, daß es wieder nur zu einer anderen Ritualisierung kommt. Was bleibt, ist der Qualitäts-Unterschied. Hanf iss einfach qualitätvoller als Hopfen und Vergorenes. Lieber ne ordentliche Halluzination als ne tote Leber. Ich kenn keinen einzigen toten Hanf-Nutzer aber ne ganze Kollektion von toten Alkoholikern.
    „Liegt Skylla links, Charybdis rechts bereit,
    was kann dem armen Erdenbürger glücken,
    der falsche Weg ist Meilen breit,
    der rechte schmäler als ein Messerrücken.“
    Ludwig Fulda

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