Der Goldige Schitt

goldene-Kommode

Besonders die Architekten warn schon ewich auf der Suche nach „richtigen“ Proportionen, und so gibt es durch die Kunstgeschichte verschiedenste mehr oder weniger kuriose Lösungen göttlich inspirierter Proportionslehren: Die Ägypter bedienten sich eines Quadratnetzes zur Erfassung zeitloser Ewigkeit, bei den Griechen glaubte man schon, objektive Maße des normalen Menschen erkannt zu haben, und von Vitruv sind die einzigen zahlenmäßigen Angaben jener Frühzeit überliefert, die aus Bruchteilen der Körperlänge entstanden sind (1/8 der Gesamtgröße). Demnach entsteht das Schöne durch Zahlen in der Übereinstimmung der Teile zueinander wie zum Ganzen. Dies war so rigid, daß sogar verschiedene Künstler an getrennten Orten Teile für eine Figur erstellen konnten. In der byzantinischen Kunstlehre isses dann die Nasenlänge (= 1/3 der Gesichts-Länge), die Heilige mittels eines 3-Kreis-Schemas zu wasserköpfigen Nasenbären machte. Das gotische System des französischen Architekten Villard de Honnecourt geometrisiert alles Natürliche zu Maßwerk. Dagegen geistert die Proportionslehre der Renaissance noch bis heute herum. Um dem Ausdruck einer prästabilisierten Harmonie zwischen Mikro- und Makrokosmos auf die Spur zu kommen, begann man den menschlichen Körper als Maß aller Dinge zu sezieren und zu vermessen: Der Fuß = 1/6 der Körperlänge wurde zum Modul. Da der Schuh jedoch überall klemmte, mußte Dürer auf das „Trümlein“ reduzieren – weniger als 1mm! Eine dieser anachronistischen Lehren ist der „Goldene Schnitt“: Die Teilung einer Strecke in der Weise, daß sich die kürzere Strecke zur längeren verhält wie die längere zur ungeteilten (AE : EB = AB : AE; ungefähr 8:5). Demnach wäre Kasten Nr.3 am ausgewogensten und schönsten proportioniert. Ein offensichtlicher Unsinn. Dies zeigt auch die Aufteilung von Schranktüren: 1:1 ist langweilig symmetrisch, jedoch nicht zwangsläufig unschön. Das „chinesische“ Ungleichgewicht von Nr.2 ist nicht unausgewogen sondern spannungsvoll. Ob Nr.3 im Verhältnis 2:3 oder 3:4 steht, erscheint bedeutungslos. Wie Rudolf Arnheim (1904-2007) schrieb, der TV und PC verabscheute, ist der schweifende Zirkel „blind für die Gestalteigenschaft des Objekts“. Arithmetische Beziehungen ersetzen die aus dem Blick verlorenen visuellen Beziehungen – „Pyrrhus-Siege des Rechnens über das Sehen.“ Während in der Architektur das Modul schon für die Massenfertigung eine bedeutende Rolle spielt – bei Mies van der Rohe war es z.B. die Länge eines Normziegels – bleibt Le Corbusiers „Modulor“ noch im Magischen hängen. Seine an menschlicher Größe von 183cm orientierte Ordnung schränkt mit Goldenem Schnitt und Fibonacci-Reihen normale Türöffnungen bis zur Lächerlichkeit auf eine Breite von 70cm ein. Das Vertrauen auf die Zahl entspringt dem Verlangen des menschlichen Geistes nach vereinfachter Ordnung, obwohl das Modul-Denken angeblich weder dem Chaos auf molekularer Ebene noch dem astronomisch großen entspreche. Auch eine Landschaft ist im wesentlichen chaotisch. „Modellierte oder gemalte Menschenbildnisse jedoch, die in striktem Gehorsam von Zirkel und Lineal hergestellt wurden, hauchen eine tödliche Kälte aus – ebenso wie die mechanische Anwendung der Zentralperspektive in Gemälden … Das heißt nicht, daß es kein Gesetz gibt; es aber aufzuspüren, verlangt mehr als mechanisches Messen und Einpassen. Es verlangt wissenschaftliche Methoden, die Wesentliches vom Zufälligen trennen … Beschreiben wir ein Bild als Dreiecks-Komposition, lassen wir fast alles wegfallen, außer einem Wesenszug des Werk-Gerüstes, der der Schlüssel zum Ganzen sein kann.“ Um die Form eines Objekts nicht als isoliert und tot erscheinen zu lassen, müssen wir seine Wechselwirkungen untersuchen. Eine potentiell einfache Form in selten perfekt geometrischer Gestalt und einfacher Proportion steht im Wirkungszusammenhang, der kombinatorischen Mitbestimmung ihres Umfelds. In der Architektur können das Licht und Schatten, Farbe und Linien sein. Untersuchungen der Proportionen von Hunderten von Gemälden ergaben im Durchschnitt bevorzugte Proportionen von 5:4 bei Längs- und 4:3 bei Querformaten. Das Verlangen der Kunst-Ordner nach Längenmaß und Zirkel, gern auch zur Aufwertung des Analysierenden sowie des untersuchten Objekts genutzt, ersetzt nur die Vision und unterdrückt den Ausdruck – ein Spiel im luftleeren Raum. Lassen wir unsere künstliche Umwelt lieber von de Chiricos Sonne erwärmen!

farbmodulor

3 Gedanken zu „Der Goldige Schitt

  1. schönes thema, vergl. „trying to escape“- foto
    natt türlich haste im urwald kein rechteck hinterm kopp oda vorm bambus; das rechteck macht der kasten, von demde dich fotografieren lässt; so kommste inne fläche rein; nun meinste einaseiz „haupsache drin“ iss supa, andaraseiz biste mal wida exakt im goldenen schiss; wie kommt sowas? waschweinlich passierts beia nachbearbeitung, au tom atisch machste dich dann imma zwischen das quadraat und das hochformat; macht ja thema tisch hier auch sinn, denn wennde genau inna mitte wärst, dann würde bei uns betrachtern ein „escape“-percept ga nich funxionieren
    bei architektur oder bei diesen möbeln da oben isses tot aal anners; wennde son nacht-tischchen brauchst, dann iss der mittlere optimal für oben die schlaftabletten und unten drin iss der pinkeltopf; zum beischlafmöbel nr. 3 haste richtige meinunk, da iss nix klar, nix halbes und nix ganzes; da isses linx mit 2 halben bessa, da passen 2 gleiche pinkeltöpfe rein, ohne dasses streit gipt; die können sich dann auch gut mittenanna untahalten und erfahrungen austauschen, ohne dasses stört, wennse die türchen zumachen!

  2. Pißpötte rein oda raus, meine Fotos wern nich von irgendeinem goldigen Schitt bestimmt, sondern vom Rand her. Indem ich den Ausschnitt fixiere, entsteht die Position der Hauptfigur, die ich ja sonst – anners als innem Gemälde – ganich verändern kann. Ob das ¾, 2/3 oda sonstwas sind, hängt noch nich ma vom Wetta ab, und iss völlich bedeutungslos. Und von welch kollektiv-unbewußten metaphysischen Kräften sollte DAS wohl beeinflußt sein? Du würdest genauso Bilder von mir entdecken (wie das obige), in denen kein goldiger Schitt iss, der ja im übrigen ein EXAKTES Zahlen-Verhältnis fordert, aba Du WILLST das einfach finden, obwohlde Dich da in nem total inhaltsfreien Raum bewechst.

  3. hä? „ausschnittfixierung macht position“…aber ey, da gips viele entscheidungsmöglichkeiten,
    8 minus 5 iss genauso 3 wie 3 weck von 6, die herkunft (!) der diffarenz iss das entscheid ende!
    ..na ok, sone scheibe brot oda ne pizza sin meissens keine rexecke, aba die isste ja auch wie son foto vom rand her, un die eine scheibe sal ami kann liegen wose der bäcka hin will oda appwirft, das iss selbs fürs auge egal wennde hunga hast; du selpst geest ja auch vom rand her ins bett, auf jeden fall willste danach drin sein, nich rausfallen wegen randlage un wo dein schwanz iss bezogen aufs 4-eckige matratzenformat spielt dir waschweinlich keine hauprolle, is ja auch egal, wenn keina das sieht, un da kannste selps das formaat ja schomma ganich seen, weilde in eina ebene mittem bettttuch biss;
    also wieso bisse bei „escape“ an genau der stelle diesa im raum aufgerichteten bambus-matrazze, wo man dich sehen kann, wide nach rex mehr am rand biss als linx, also deine nach oben durchen kopp valengatte wirbelsäue definiert schomma das kwadrat mit dem linx-rand der matrazze; wennz umme flucht geet, iss das eben nich inhaltsfrei egal, es sei denn du meinst, das alle es sehen, wiede weck willst, weille „escape“ drübba geschriem hast.
    ja bilda entdecken, ich kenn soga welche, da bisse ganich drauf, wie son bett ohne keina drin…

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