Militarismus

Muenchen37

Im 18.Jahrhundert bezeichnete ein Erlaß der Regierung in Hannover die Rekruten-Werber als „Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens“ und ordnete an, sie durch Läuten der Sturmglocken und Aufgebot der Miliz zu vertreiben, sie zu arretieren oder totzuschlagen. Den Menschenhandel wollten sich die Fürsten in Hannover, Braunschweig, Hessen-Kassel und Würtemberg selbst vorbehalten. Da sie für gefallene Untertanen, die sie als Söldner anderweitig verkauft hatten, extra Blutgeld erhielten, gab besonders der Mustermonarch von Hessen-Kassel seinen Unmut darüber Ausdruck, daß so viele Soldaten zurückkamen. Doch gelang es den Landes-Vätern durch den Erlös aus dem Verkauf von 16992 Untertanen an das englische Heer 1792 immerhin Schloß Wilhelsmhöhe zu vollenden. Der besiegte Generalfeldmarschall Hindenburg, der sein eigenes Leben nie aufs Spiel gesetzt hatte, nannte den Krieg ein „reinigendes Stahlbad“. Der preußische Militarismus ersetzte Abenteurer, Taugenichtse, Lumpen und Verbrecher durch staatlich Dienstverpflichtete, und Friedrich II. erhob die Abrichtung des Soldaten zum menschlichen Automaten ebenso zum Inbegriff des Militarismus, wie er den Prügelstock zum Symbol militärischer Subordination proklamierte. Bis nach dem Siebenjährigen Krieg durften friederizianische Offiziere sogar Bürger auf der Straße schlagen. Das große Heer der blessierten und verkrüppelten Soldaten bekam die Erlaubnis, sich durch Leierkastenspielen das Brot zu verdienen. Seit 1906 wurde Offizieren eine Verstümmelungszulage gewährt.
Der Militarismus als soziale Einrichtung ist wie geschaffen, um menschliche Unzulänglichkeitsgefühle zu kompensieren. Er hebt den Menschen aus der Bedeutungslosigkeit und läßt ihn in hoher sozialer Wertschätzung glänzen. Mit Uniform, Chargen, Abzeichen und Orden schmeichelt er dem Selbstgefühl, provoziert er die Sehnsucht nach der Heldenrolle. Allerhand kleine glitzernde Auszeichnungen, Ehren-Zeichen, Schießschnüre usw. dienen dem niedrigen Instinkt, der Putz- und Großmanns-Sucht. Dazu gehören Popularität erzeugende Militärmusik und das pompöse Gepränge. Für den 1.Weltkrieg gab das Reich allein für Orden und Ehrenzeichen fast eine halbe Million aus.
Dem Heranwachsenden erscheint der Militärdienst als die Fortsetzung der Knaben-Spiele. Den Kindern ähnlich verhalten sich die Erwachsenen, die ebenfalls unter ihrer Kleinheit und Geringschätzung leiden. Es gibt keinen Platz im modernen Kulturleben, wo das brutale Faustrecht, die Herrengewalt der Priviligierten, das Überlegenheits-Gefühl der Autorität ausschweifendere, wahnwitzigere Orgien feiern könnte als in der Kaserne. Allein der äußere Effekt entscheidet, niemals der innere Wert, die sachliche Leistung, der lebendige Mensch. So blühte die raffinierte Quälerei der Soldaten-Schinderei bis in den Weltkrieg hinein. Ja, sie hat den Weltkrieg überdauert und blüht heute noch. Wer sich weigerte, seinen eigenen Kot zu essen, sich in den Mund spucken zu lassen oder vor versammelter Mannschaft zu onanieren, wanderte auf viele Jahre ins Zuchthaus.

Quelle: Otto Rühle, „Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats“, 1930
Foto: Kriegsschule München 1934

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