Nur für Verrückte

Geburstag

Ferner habe er eine Neigung zum Einsiedlerleben, könne sich nicht nach andern Menschen richten, hasse Gesellschaftlichkeit und Reisen. Der Beklagte habe diese Eigenheiten selbst in seinen Büchern eingehend geschildert …; er nenne sich in diesen Schriften selbst einen Eremiten und Sonderling, einen Neurotiker, Schlaflosen und Psychopathen. Die Klägerin dagegen sei jung und lebensfroh, liebe geselligen Verkehr und ein herzliches Familienleben … .“ (Scheidungsurteil gegen Hermann Hesse, 1927)

Als ich meiner Mutter im Jahre 1971 eine von Suhrkamp mäßig gedruckte, gebundene Ausgabe von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ zum „Geburstag“ schenkte, hätte ich eigentlich wissen müssen, daß man für Geburten ein „t“ benötigt. Immerhin war ich schon 23, hatte gerade mein 1.Staatsexamen erfolgreich absolviert und war danach wie Hesses Romanfigur Harry Haller in einen sinnlichen Zwischenraum gefallen, aus dem ich damals noch keinen anderen Ausweg sah, als mein Leben rechtzeitig zu beenden, bevor es im Staatsdienst erdrückt würde. Aber mit Geburten hatte ich bisher nix zu tun gehabt, und meine eigene war im Laufe der Jahre zum Fest der Entfremdung mißraten, die gefeiert werden mußte, darauf bestand meine Mutter, sonst war sie beleidigt, denn sie wünschte sie 2x im Jahr zu würdigen: ihre eigene und meine! Ein ebensolch zwanghaftes Ritual wie das „verfluchte“ Weihnachtsfest, das Hesse bereits durchschaut hatte: „… durch das Ausstellen von abgesägten jungen Bäumen in allen städtischen Wohnungen eine Art von Erinnerung an die Natur und den Wald zu erwecken … ich selber habe vor Familie und Weihnachten und Geschenken und alle dem Getue und der verlogenen Sentimentalität des sogenannten Familienlebens einen solchen Ekel, daß ich nicht hingehen kann.“
So schenkte ich ihr also dieses zum 2.Mal zur Mode gewordene Werk, ohne mich zeittypisch im Inhalt wiedererkannt zu haben. Nicht nur, weil andere, zerstörende Drogen benutzt wurden (Opium, Kokain, Alkohol), sondern wohl eher, weil hier die Krise eines 50jährigen abgehandelt wurde, die ich nicht einmal erlebte, als ich selber so alt wurde. Auch erscheinen die anstößigen Stellen, die ab 1926 als „schweinisch, lüstern, jüdisch, pazifistisch“ abqualifiziert wurden, aus heutiger Sicht als zu Lappalien verklärt („pennälerhaft, unsinnlich, stilisiert“; Hans Mayer). Sicher war es die seinerzeit skandalöse Verbindung aus Sex, Gewalt, Drogen und Musik, die so viele dahin brachte, in sich selbst den Steppenwolf zu entdecken, und nicht die gestelzten Dialoge („Spricht aber eine Dirne bei einem deutschen Dichter, so spricht sie Literatur.“ Werner Deubel). Eher als Geschenk für meinen Vater geeignet, der sich in einem letzten, stark verunglückten Versuch noch einmal ins Leben stürzte und sich dafür Aufklärungs-Literatur von mir auslieh. Dagegen verdrängte meine Mutter entrüstet jeglich etwaig Wölfisches in ihr und betäubte sich lieber mit TV und Regenbogen-Presse. „Und daß dies alles, ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben.“
Nun wiedergelesen, will das Werk, das als Fuge konzipiert, 3x anfängt, immer noch nich zünden. Schon gar nicht berührt mich Hesses Sniper-Phantasie, selbst wenn sie aktuelle Lieferungen von Massen-Ästhetik mit sich überschlagenden Fahrzeugen vorwegnimmt. Auch nicht, wenn er sich stark autobiographisch entblößend als Einsiedler vorführt, der sich 1919 in eine entlegene Ecke der Schweiz zurückzog, wo er sich viel mit indischer und chinesischer Weisheit beschäftigte. Das liegt wohl daran, wie die geschilderten Drogen-Träume in einer „Welt ohne Zeit“ fern ab von Wirklichkeit herumwabern: „… und vor allem fehlt mir in der Tat die Achtung vor der Wirklichkeit.“ Und so phantasierte sich Hesse 1925 in die Rolle eines Verhafteten in der wahrhaft höllischen Welt der Kanzleien, des Papiers und der Akten: „Von allen Höllen, welche der Mensch sich wunderlicherweise hat schaffen müssen, ist diese mir stets als die höllischte erschienen. Du brauchst nur umzuziehen oder heiraten zu wollen, einen Paß oder Heimatschein zu begehren, so stehst du schon mitten in dieser Hölle, mußt saure Stunden im luftlosen Raum dieser Papierwelt hinbringen, wirst von gelangweilten und dennoch hastigen, unfrohen Menschen ausgefragt, angeschnauzt, findest für die einfachsten und wahrsten Aussagen nichts als Unglauben, wirst bald wie ein Schulkind, bald wie ein Verbrecher behandelt.“ Kein Wunder also, wie Hesse sich in die Welt der Magie flüchtet, eine Landschaft mit Eisenbahnzug auf seine Zellenwand malt, in jenen einsteigt und damit in einem schwarzen, kleinen Tunnel verschwindet. „Ohne Magie war diese Welt nicht zu ertragen.“ Hin und hergerissen zwischen Mitleben und Meditation, gelang Hesse im wirklichen Leben immerhin etwas, von dem jeder Künstler nur träumen kann: Anstatt sich umzubringen, besuchte er 1925 inkognito den „Hermann-Hesse-Abend“ eines literarischen Vereins. Jedoch flüchtete er vor Ende der Veranstaltung, weil er wieder die Isolierung bemerkte, „die mich zum Eremiten bestimmt und welche darin besteht, daß ich in mir ein unergründliches Verlangen trage, das Menschenleben ernst nehmen zu können. Während alle anderen es nach einer geheimen, mir unbekannten Spielregel, als ein amüsantes Gesellschaftsspiel betrachten und vergnügt mitspielen.“ Doch selbst als „Dichtung des gegenbürgerlichen Mutes“ bleibt Steppenwolf Hesses Werk, das etwas weniger lügt, „als in der Literatur sonst üblich“, in Halbheiten befangen. Und so konnten ihn nach dem Erfolg die selben 40 großen Tageszeiten anharfen, die ihn 1914 als Kriegs-Gegner übel beschimpft hatten.

Wär ich einsam und Asket geblieben,
Statt in diese Welt zu tauchen,
Mich noch einmal brennend zu verlieben,
Mich noch einmal lodernd zu verbrauchen!
Traurig seh ich ein, ich alter Knabe:
Dieses Tun ist lächerlich und nichtig,
Nicht einmal den Onestep kann ich richtig!

Nun, altes Männlein, kämme hübsch den Scheitel,
Rasier dich gut und schlüpf ins Abendhemd!
All dein Bemühn ist doch vermutlich eitel,
Und einmal wird der Wald zurück dich reißen,
Der Bach, der Regen, Sterne, Berge, Seen,
Du wirst den hübschen Plunder von dir schmeißen

Und noch einmal die alten Wege gehen,
Wirst wieder wandern, schweifen, schauen dürfen,
Den Becher Einsamkeit zu Ende schlürfen
Und sterben in der Wildnis ungesehn.

Quelle: „Materialien zu Hermann Hesses ‚Der Steppenwolf““, Suhrkamp, 1972

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