Simplex verläßt die Welt

gegensatz

Adieu, Welt! Denn auf dich ist nicht zu trauen noch von dir nichts zu hoffen! … das Allerbeständigste fällt, das Allerstärkste zerbricht und das Allerewigste nimmt ein Ende … Bei dir ist keine Freude ohne Kummer, kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Liebe ohne Argwohn, keine Ruhe ohn Forcht, keine Fülle ohn Mängel, keine Ehre ohn Makel, kein Gut ohn bös Gewissen, kein Stand ohn Klage und keine Freundschaft ohn Falschheit … man entlehnet, um nicht wiederzugeben … ein jeder tut, was er will, und keiner, was er tun soll … wer dir trauet wird betrogen … Bei dir siehet und lernet man nichts als einander hassen bis zum Würgen, reden bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handlen bis zum Stehlen, bitten bis zum Betrügen … Das Alter verzehret man in Jammer und Elend, der Geist wird schwach, der Atem übelrüchend, das Angesicht runzlicht, die Länge krumm, und die Augen werden dunkel, die Glieder zittern, die Nase trieft, der Kopf wird kahl, das Gehör verfällt … Adieu, Welt! Denn niemand ist mit dir content oder zufrieden; ist er arm, so will er haben; ist er reich, so will er viel gelten; ist er verachtet, so will er hochsteigen; ist er injurirt, so will er sich rächen … In dir, o Welt, tut nicht einer, was der ander tut; denn wann einer weinet, so lachet der ander; einer seufzet, der ander ist fröhlich, einer fastet, der ander zechet … Also lebet auch nicht einer wie der ander … einer arbeitet härtiglich, und der ander stiehlet und beraubet das Land … Der eine stirbt in der Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritte am Strick … und der vierzehente ertränkt seine arme Seele im Tintenfaß.
Behüte dich Gott, Welt! Du lässest dich der Bitterkeit des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln, Anreizung und falschen Verheißungen; du giebest aus dem goldenen Kelch, den du in deiner Hand hast, Bitterkeit und Falschheit zu trinken und machest sie blind, taub, toll, voll und sinnlos. Ach, wie wohl denen, die deine Gemeinschaft ausschlagen, deine schnelle, augenblicklich hinfahrende Freude verachten, deine Gesellschaft verwerfen und nicht mit einer solchen arglistigen verlorenen Betrügerin zu Grunde gehen. Denn du machest aus uns einen finstern Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns …
Alle diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken, und bewogen mich dermaßen, daß ich die Welt verließ und wieder ein Einsiedel ward.

H. J. Ch. von Grimmelshausen (1622-1676), „Abenteuerlicher Simplicius Simplicissimus“
Grafik: Münchener Bilderbogen Nro. 299.

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