Reise auf Fischen

fischreise

„… oder ist es vielleicht so, daß sich die Leute zu kleinen Hitlern entwickeln, kaum daß sie mit Kunst in Berührung kommen?“
Alfred Hrdlicka

Hitler, der sich mit seinem spießigen Dilettantismus leider nicht hatte durchsetzen können, hätte ihn am liebsten sterilisieren lassen, obwohl er kein Jude war sondern schlicht aus Niedersachsen stammte. Doch nicht nur die „erwachten“ Deutschen verspotteten die „gemeinen Zoten“ des „Kunstbolschewisten“ Max Beckmann (1884-1950). Für ihn war jede Verzerrung der Anatomie erlaubt, wenn sie einer einheitlichen Form diente. Die Gegenausstellung zur „Entarteten Kunst“ 1938 in London wurde vom englischen Kunst-Publikum als „zügellos“ empfunden, und noch 1968 sprachen französische Kritiker von „kreischenden Verzerrungen“. Erschwerend für den Betrachter ist noch heute Beckmanns Verwendung kabbalistischer, theosophischer und hinduistischer Symbole. Abgesehen von dem okkulten Quark, bietet hinduistische Kunst, solange man nicht an die Inhalte glaubt und in Volkshochschul-Kursen Chakren schüttelt, einen SEHR attraktiven Formen- und Ideen-Reichtum. Die Reise vom trügerischen Schein des Lebens zu den wesentlichen Dinge bildete den Antrieb für alle seine Werke. So bekommt es dem Kunst-Genuß nicht wirklich, die Bedeutung der Symbole des Ölgemäldes „Reise auf Fischen“ (1934) festzulegen. Allein für das Lieblings-Symbol des Malers, den Fisch, gibt es widersprechende Bedeutungen. Nicht mal über die Größe des Bildes herrscht Klarheit. Der Inhalt dominiert zwar seine Bilder, dem sich die Form unterzuordnen hat, verständlich kann er jedoch nur dem sein, der „ungefähr den gleichen metaphysischen Code“ wie Pessimist Beckmann in sich trägt, der Gott trotzen wollte – oder sich einfach sensualistisch an der kraftvoll-konzentrierten Malweise erfreut. Freund und Biograph Stephan Lackner neigte dazu, den Inhalt wie das Paar auf den Fischen festzuzurren. Obwohl Beckmanns zweite Frau Mathilde Kaulbach („Quappi“) fest zu ihm stand (Da hatta aba Glück gehabt!): „Eine unheimliche Fahrt ins Verderben. Die Frau scheint der sausenden Abfahrt noch ein gewisses Vergnügen abzugewinnen, neugierig schaut sie hinunter in den Abgrund. Der Mann hält sich in Vorahnung der Katastrophe die Augen zu, und er spreizt die Füße, als ob er damit den Flug bremsen könnte.
Die Frau hat sich die Maske des Mannes [Beckmann] vors Gesicht gehalten, und er die ihre: sie haben beide mit hohlen, schattenhaften Illusionen gelebt. Aber ihre eheliche Verbundenheit war keine Illusion, gemeinsam stürzen sie dem Verhängnis entgegen. Die Fische, seelenlos glotzend wie das Schicksal, sausen raketenhaft unaufhaltsam dahin. Die Triebe reißen die Menschen hinab in den Hades … Die männliche und weibliche Maske sind die Kennzeichen, was hier gespielt wird, sie erinnern an … Glücksspiel. Aber diese zwei Menschen haben bereits verspielt.“ Unten wartet schon Charon. Nich die 16jährige Charon, die gerade dringend den 17jährigen Ridel heiraten mußte, sondern der mit dem Fährboot.
Und was hätte Max dazu gesagt? „Aha, hm, hm, so, na, tja.“
Mit 66, nachdem er sich „in einem Straßenspiegel alt und schäbig“ fand, bricht er auf einer Straße in New York zusammen. Ich bin schon 67. Da happich aba Glück gehabt. „Das Leben ist ein Spiel, das von Anfang an verloren ist.“ (Beckmann 1945)

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