Vorbildlich

vorbild87

Und in art 10/1987 trafen wir gleich alle zusammen: Gosebruch, ich und die Gute Form. Dort fand ich sogar einen Leserbrief von mir, ausgelöst durch den penetranten Architektur-Kritiker Peter M. Bode, der zwar für „fernöstliche Inspiration im bayrischen Voralpenland“ an einem „vorbildlichen Verwaltungsbau“ (art 9/87) schwärmte, auf renovierte und umgestaltete Fachwerkbauten jedoch konstant wie ein saurer Hering reagierte. Das ärgerte mich, weil es Engstirnigkeit zeigte, denn ich habe selbst mehrere Fachwerk-Gebäude renoviert und respektlos umgenutzt.
„Die abgebildeten Fotos des interessanten Landratsamts Starnberg ähneln eher dem Vorbild Kinkaku-Ji („Goldener Pavillon“, Kyoto) als der Katsura (weder Dachform noch Wandaufbau oder Anlage stimmen mit den Fotos überein). Immer wieder ärgerlich finde ich aber Herrn Bodes Architekturschema, das zwar Rückgriffe auf japanische Architektur in Bayern erlaubt, aber historische Rekonstruktionen in Hildesheim, Frankfurt und Ost-Berlin abwertet. Statt dessen gerät er in höchste Verzückung bei den Gemeinheiten Bottas in der Schweiz (art 5/87) oder den Gefängnissilos von Gregotti und Steidle in West-Berlin (art 5/87). Wie hätte denn Herr Bode den Hildesheimer Rathausplatz gern? Vielleicht mit etwas chinesischer Postmoderne?“
Mit wirklich gelebtem Pluralismus als Ausdruck echter Freiheit sind doch viele überfordert. „Niemand kann heute noch einen gemeinsamen Maßstab benennen, nach dem unterrichtet und bewertet werden könnte.“ (Johannes Heisig, *1953). Wahrscheinlich kannte Bode „Wohnen und Bauen in Japan“, von Werner Blaser 1955 veröffentlicht, wo noch einmal deutlich wurde, wie Bauhaus-Architektur sich nicht nur auf Vernunft begründete sondern durchaus auch manieristische Tendenzen zeigte. Aber wie frei japanische Architekten mit ihrer Tradition umgehen, war ihm offensichtlich nicht bewußt. Jeder, der sich mit Umsetzung und Umnutzung von alten Fachwerk-Gebäuden beschäftigte, traf auf die Puristen, für die es nur kompromißlos exakt-historische Renovierung oder Verfall gab. Unter dem Vorwand, Bewahrer einer einheitlichen Ästhetik zu sein, verweigerten Bauämter phantasievolle Lösungen. Dabei war die Schlacht um die Schönheit der Umwelt längst verloren, und jeder Großunternehmer konnte mit Beton klotzen, wobei sich immer ein Speichellecker fand, der aufzeigte, wie großartig sich das Monstrum ins Gelände fügt. Le Corbusier hat dafür gleich mehrere Beispiele geliefert. Zumindest meinen Eindruck von Botta habe ich in San Francisco revidiert. Heute überziehen Nachahmungen der „De Stijl“-Architektur als „minimalisme“ ganz Indonesien und vernichten in völlig unfunktionaler Weise die letzten Reste südost-asiatischer Identität. Spätestens wenn die ganze Welt ästhetisch vereinheitlicht ist, wird man begreifen, was verloren wurde. „Von Tibet bis Timbuktu scheint … das westeuropäisch-amerikanische Kulturmodell zu obsiegen, und die entstehende Eindimensionalität drückt jede Kante zum unausweichlichen globalen Konsens rund.“ (J.H.).
Stil-Doktrin als politisches Kampfmittel, das rückwendete sich während der Nazi-Zeit auch gegen Kunstrichter Ernst Gosebruch, der 1933 als Direktor des Essener Folkwang-Museums abgesägt wurde. Der ihm folgende Klaus Graf von Baudissin trat zur Säuberung des Kunst-Tempels gleich in SS-Uniform an. Noldes Bilder verbannte er in die Südsee-Abteilung als „merkwürdige Zeugen bodenfremden Europäertums“, eine „Improvisation 28“ von Kandinsky nahm er in „Schutzhaft“. Kein anderes deutsches Museum wurde so geplündert wie das Folkwang, wobei einige Bilder für den Morphinisten und Kunst-Patron „Klamotten-Hermann“ Göring bestimmt waren. Dessen junger Löwe verbiß sich ins Hosenbein eines Mitglieds der Übergabe-Kommission. Manche dieser Bilder fand man nach dem Krieg im Besitz amerikanischer Sammler. Wie sie dorthin gelangten, „läßt sich nicht mehr nachvollziehen“? Na sowas! Sie haben ALLE geklaut. Darüber gibt es inzwischen sogar einen Film.

Kunstfreunde

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