Bildermanie

bildersturm

Wolf Vostell (1932-98), „Mania“, Rauminstallation, Hannover 1973: Baum, Haare, Tiergehirne. Anleitung: „Bewußtwerdung durch eigenes Handeln, nicht durch zuschauen. Kaufe einen Stadtplan von Hannover, nimm aus dem Vostell-Environment Mania im Kunstverein 1 Tiergehirn, hinterlege im Sekretariat eine Quittung dafür. Übertrage die auf einer Tafel befindliche Kurve der Wehrdienstverweigerung auf den Stadtplan von Hannover. Fahre mit dem Auto und Gehirn die Linie so genau wie möglich nach. Immer wenn Du den Weg suchst, notiere auch sofort Deine Gedanken ohne eine Auswahl zu treffen. Bringe das Gehirn und Deine Notizen in den Vostell-Raum gegen Quittung. Der Bericht Deiner Fahrt wird Bestandteil der Ausstellung.“

Ich wollte nicht immer nur zuschauen wie bei der Schweinerei von Otto Mühl. Vostell lag sehr auf meiner Linie, und seine Arbeiten gefielen mir wesentlich besser als die von Beuys. Doch statistische Angaben auf einen Stadtplan zu übertragen und mit einem Tiergehirn im Auto ferngesteuert zu werden, war mir zu abwegig. Und meine Dosis an Manie hatte ich bereits überreichlich erhalten, doch sollten leider weitere folgen („Häufig geben die Betroffenen mehr und schneller Geld aus als üblich … Mitunter werden von Erkrankten während einer Manie aufgrund ihrer Größenideen sogar massenweise Geschäfte getätigt, die für die Betroffenen und ihre Angehörigen sehr unangenehme Folgen wie hohe Verschuldung haben können.“). Wohl interessierten mich die Perücken, weil ich bis dahin noch nie eine aufgesetzt hatte. Also nahm ich mir eine – ohne Quittung, da ich in den Räumen des Kunstvereins Hannover verblieb. Als mich der Leiter des Kunstvereins mit der Perücke auf dem Kopf bemerkte, ermahnte er mich, und ich hängte das Ding wieder brav an seinen Platz. SOVIEL Bewußtwerdung durch eigenes Handeln war nicht erwünscht, obwohl ich weit entfernt von jeglicher bilderstürmerischen Absicht war. Ganz anders als der Student, der Beuys 1964 in Aachen während eines Fluxus-Happenings ins Gesicht schlug, weil er durch Salpetersäure leicht verätzt worden war – was in den Berichten meist weggelassen wird – und so die von Fluxus geforderte Aufhebung der Distanz zwischen Publikum und Dargestelltem wörtlich umsetzte: „Es gibt kein Abseitsstehen!“ (Vostell). Während der Student die Schändung seines Nyltest-Hemdes rächte, fühlte Josef Nikolaus Kleer in Berlin gegenstandslose Angst vor Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV“. Derartige Angst-Attacken einer affektiven Psychose, die erblich, biochemisch oder psychotraumatisch bedingt sein kann, unterscheiden sich von Furcht dadurch, daß keine rational nachvollziehbare Ursache erkennbar ist, auch wenn eine solche vom Kranken konstruiert wird. In beiden Fällen zeigte nicht nur die Öffentlichkeit, die zu 43,7% moderne Kunst sowieso nicht ernstnahm, offenes Verständnis für die Angriffe, auch eifersüchtige Künstler taten das. Betrug der Schaden bei Newman nur 2,7Millionen DM, so war man doch über den Serientäter Hans-Joachim Bohlmann heftigst empört, der nicht nur das Zehnfache schaffte, sondern sich an Heiligtümern des deutschen Gemüts vergriff: Er verätzte alte Gemälde, teure Teppiche und Pferde. Schlimmer noch der Ungar Lazlo Toth, der sich für Jesus hielt und 1972 Michelangelos kitschige „Pietà“ in Rom mit einem Hammer demolierte. Später kniete der Papst vor dem verstümmelten Marmor-Klotz, verharrte im Gebet und ließ Rosen niederlegen. Götzenanbetung. „Also haben sie vergessen / das die augen der bilder nicht sehen / ynd das stein yrem hertze nicht verstehend.“ Andreas Bodenstein (1486-1541). Nicht erst der reformatorische Bildersturm bekämpfte dieses Verhalten. Schon im Byzantinischen Bilderstreit spalteten sich die Christen vordergründig in Ikonodulen und Ikonoklasten. Tatsächlich ging und geht es um Macht und Geld. Im 8.Jahrhundert hatten klerikale Organisationen mit Hilfe Wunder bewirkender Kultbilder und gefälschter Reliquien bereits großen Einfluß auf die Bevölkerung erlangt, der sich zunehmend der weltlichen Herrschaft als Konkurrenz entgegenstellte. Dabei war für die meist analphabetischen Menschen die optische Vermittlung der Inhalte als „stäb oder stecken der blöden“ wichtig. Wenn jedoch Heiligenbilder tatsächlich wirken konnten, von denen manche direkt vom Himmel gefallen waren, wurde eine Identität zwischen Abbildung und Abgebildetem unterstellt, die eigentlich – so wie in Judentum und Islam – als blasphemische Idololatrie bewertet werden konnte. Die Ikonoklasten unter Kaiser Konstantin fingen deshalb an, Klöster, Heiligenbilder und Reliquien zu zerstören. 1534 konfiszierten die Wiedertäufer in Münster besonders die Goldschmiede-Produkte, die in Kirchen und Klöstern gesammelt worden waren. In Folge der französischen Revolution säkularisierte man in Köln allein 11 Stiftskirchen, 16 Pfarrkirchen, 5 Ordensklöster, 12 Mönchsklöster, 2 Abteien, 37 Nonnen-Klöster und 33 Kapellen. Wie Bazon Brock es dargestellt hat, erwiesen sich die Bilderstürmer im Byzantinischen Bilderstreit als die eigentlichen Ikonodulen, denn sie bereiteten den Kunst-Handwerkern einen Weg aus der Knechtschaft christlicher Ikonographie hin zu freier, weltlicher Kunst. Dagegen blieben die Bilderfreunde, die die Kunst als Magd der Theologie einstuften, die eigentlichen Bildverächter.

Quellen:
Peter Moritz Pickshaus, „Kunstzerstörer“, 1988
Martin Warnke, „Bildersturm“, 1973
Foto: Holländischer Bildersturm, Darstellung von 1882

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