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totengraeber

„Derjenige, dessen Toter unbegraben vor ihm liegt, ist nicht verpflichtet, das Schema zu sprechen, die Tefilah zu sagen und Tefillin zu tragen. Die Träger des Leichentuchs und jene, die sie ablösen, diejenigen, die vor dem Sarg und jene, die hinter dem Sarg gehen: diejenigen, die benötigt werden, den Sarg zu tragen, sind vom Sprechen des Schema befreit, während jene, die im Augenblick nicht benötigt werden, vom Sprechen des Schema nicht befreit sind. Sie alle aber sind nicht verpflichtet, die Tefilah zu sagen.“
Jüdischer Bestattungs-Ritus

Mag der eine oder auch der andere hier seine Zweifel anmelden, ob es sich bei dem von Philipp Franck (1860-1944) vor 1903 produzierten Gemälde „Totengräber beim Weißbier“ (100x130cm) wirklich um ein Meisterwerk handelt, so möchte ich dem Zweifler zurufen: OH JA! Obgleich hier rein künstlerisch die eher ermüdenden Ausdrucksformen des deutschen Impressionismus erscheinen, wie bei Max Liebermann und interessanter bei Lovis Corinth, mit denen zusammen Franck die Berliner Secession gründete. Die Flüchtigkeit der Ausführung, etwa bei den schattenlos schwebenden Schuhen und Gartenstühlen, und das eher unbedeutende Sujet sind typische Phänomene des Impressionismus, doch entscheidend für meine Begeisterung ist hier das Thema: Die Kunst der Beerdigung und das Bier. So ruft das Bild eine Fülle von Erinnerungen an erfolgreiche Beerdigungen in mir hervor, an denen ich nicht nur als Totengräber sondern auch als Sargträger teilgenommen habe. Leider hatten wir damals keine spezielle Arbeitskleidung zur Verfügung, auch keine Tefillin. In meinem Moordorf begrub man die Toten noch selbst. Verwandte brauchten weder zu graben noch zu tragen. Da fast alle miteinander verwandt waren, mußte ich immer ran. Heute in Indonesien ziehen die Sargträger graue Klempner-Kittel an, um ihrer Arbeit mehr Würde zu geben. Als Ausländer, der ich auch hier bin, muß ich jedoch nicht mehr mitarbeiten, sondern fotografiere nur. Inzwischen nehme ich ganich mehr teil, weil es dabei immer so laut hergeht. Außerdem gips kein Bier. Die „Berliner Weiße“ löst in diesem Zusammenhang Erinnerungen an Gartenlokale aus, die man müde vom Wandern erreichte. Darauf ein kühles Bier, allerdings in dieser Variante eher süßlich. Und wie gesittet geht es in dem Bilde zu – noch. Zwar drückt es indirekt die Absurdität einer Kultur aus, die den Hanf-Anbau unter Strafe stellt, ein „Oktober-Fest“ mit Massenbesäufnis jedoch als kulturell bedeutsames Ereignis feiert, aber es ist doch schön, wie diese 4 professionellen Trauerklöße sich mit Drogen wieder aufmuntern, um ihr buchstäblich schweres Los weiter tragen zu können. Doch warum sind es nur 4? Griffe waren immer 6 am Sarg, die man dann auch noch relativ gut erhalten beim Buddeln wiederfindet.
Jedenfalls ist es ein Bild über den Versuch, kurz vorher noch einen zu heben, bevor die Welt untergeht, und so das Ende hinauszuschieben, welches doch unerbittlich eschatologisch unter der Tischdecke lauert. Es ist also ein erhebendes Gemälde und schon dadurch ein Meisterwerk. PROST!

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