Die 50er Jahre

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„Die Fünfziger Jahre, dieses verpatzte Richtfest der Bundesrepublik, wie haben wir sie bloß ausgehalten?“
Alfred Nemeczek

„Eine bornierte, bedrückende Zeit.“
Hans Magnus Enzensberger

Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim.“
Herbert Achternbusch

Ich wurde schon sehr früh, zusammen mit der Deutschen Mark geboren (Weshalb mich auch ihre Liquidierung so bestürzt hat.). 1½ Jahre vor Beginn der 50er-Jahre, 3 Jahre nach Kriegsende. Rund 1,5 Millionen Deutsche vermißte man noch. Mein Vater hatte es geschafft, nach 4jährigem Kriegsdienst und 2jähriger Kriegs-Gefangenschaft in Frankreich halb verhungert aber weitgehend heil zurückzukehren und seine Frau im Juni 1947 in Uelzen wiederzufinden, wo sich ein Flüchtlingslager befand. 2,17 Millionen hausten in Notunterkünften. Im Oktober 47 erholte sich mein Vater offensichtlich so weit, daß er mich ungefragt zeugen konnte. Möglicherweise hatte jedoch die Qualität seines Spermas unter den Kriegseinwirkungen gelitten, denn ohne immer wieder notwendige Hilfe von Ärzten hätte ich nicht lange überlebt. Als ich geboren wurde, hatten meine Eltern zusammen mit meinen Großeltern mütterlicherseits eine Mietwohnung im Obergeschoß eines kleinbürgerlichen Hauses in der Albertstraße 25 gefunden. Nach der Erfahrung des Hungers ernährte man mich offensichtlich besonders sorgfältich. Schon ist eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Leben zu erkennen. Auch Angst vor dem, was größer und unberechenbar wie der Lebensweg. Doch trotzich wehrhaft zu allem bereit stehe ich da im Wald, wo man vor lauter Bäumen die Zukunft nicht erkennen kann. Trotzdem beginne ich die 50er Jahre mit Bronchitis und Rachitis, gefolgt von einer akuten Endocarditis der Mitralklappe und einer Stauungslunge.

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In diesem Jahr schuldet die Bundesrepublik den Eroberern noch immer „Besatzungs-Kosten“ in Höhe von 6,6 Milliarden DM. Die feine Art, Beute zu machen. Immerhin erlauben jene schon Paß-Hoheit und ein Auswärtiges Amt. Der Kriegszustand wird offiziell beendet. Im kulturellen Sektor wird weitergekämpft. Hans Sedlmayer attackiert als Wortführer die Abstrakte Kunst. Alt-Nazis und Neo-Kommunisten sind sich darin einig. Man amüsiert sich wieder. Mein rheumatisch-myocarditischer Infekt ist geheilt. Dafür werde ich mein Leben lang mit chronischer Rhinitis zu kämpfen haben. Meine nicht vorschriftsmäßige Herzform befreit mich sogar vom Wehrdienst. Intensiv Motorrad fahre ich jedoch erst sehr viel später.

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1952
Ein Badezimmer gab es nicht. Ich wurde in der Küche in einer Zinkwanne gewaschen. Die Enge der Wohnverhältnisse hatte zur Folge, daß mich meine Mutter mal versehentlich mit kochendem Wasser übergoß. Die Narben sind auf meiner Schulter immer noch sichtbar. Gegenstände und Materialien, mit denen ich im Hausgarten spielte, bestanden aus Metall, Holz, Stein, Erde und Wasser. Plastik und Elektronik nicht vorhanden. Auch wie sich solch ein „Trainings“-Anzug anfühlte, weiß ich noch. Kinder-Kleidung wurde möglichst selbst gestrickt und genäht. Weder bekam ich etwas von der Atombombe mit, die in der Wüste Nevadas gezündet wurde, noch vom Beginn des Fernsehns mit Goethe.

1953 stirbt Stalin, der Aufstand in der DDR wird blutig niedergeworfen. Ein VW-Käfer kostet 4200DM. Billiger sind dreirädrige Kabinenroller von Messerschmitt, die aussehen wie geschrumpfte Düsenjäger, zum Preis von 2375DM. Man sitzt in ihm hintereinander wie Kampf-Piloten. Arno Breker, einst gefeierter Nazi-Bildhauer, gestaltet jetzt biblisch in Köln.

1954 wird den Franzosen ihre eingebildete Grandeur in der Schlacht von Dien Bien Phu vorübergehend ausgetrieben, ins deutsche Wohnzimmer ziehen Niertentische mit abgespreizten Beinen und Tütenlampen ein. Deutschland wird Fußball-Weltmeister gegen Ungarn, was ich im Radio mitbekomme. Helmut Rahn, einer der Torschützen, bleibt als Name haften, auch meine chronische Bronchitis.

Erst 1955 wird das Besatzungs-Regime offiziell beendet. Gegen den heftigen Protest von Gewerkschaften, SPD und Kirchen gründet man die Bundeswehr: „Kasernenhöfe = Friedhöfe!„, „Weder NATO-Armist noch Volksarmist„, „Nie wieder Krieg„.

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