Die 50er Jahre II

goho

1956 wehren sich die Ungarn in einem verzweifelten Aufstand gegen die russischen Besatzer: „Wir wollen niemals Sklaven sein!“ Mich erschrecken die Bilder, die ich in der „Wochenschau“ als Film-Vorspann im Kino sehe. Für den Rest meines Lebens verbinde ich Kommunismus mit brutaler Unterdrückung. Die KPD wird verboten. Auf dem Heimweg von der Volkschule treffe ich auf einen Menschenauflauf vor einem Haus in Hildesheim. Ein Kommunist sei dort verhaftet worden. Die Wehrpflicht wird eingeführt.
Meine Eltern sind nun wieder etabliert und feiern in Hildesheim mit meinen Großeltern deren „Goldene Hochzeit„. Innerhalb des allgemein verwirrten Geschmacks der 50er hatten meine Eltern einen relativ guten. Etwa wie sie mit Mustern spielten, zeigte mir zum ersten Mal gestalterische Möglichkeiten auf. Dennoch wirkte ihr Stil letztlich künstlich und desorientiert auf mich. Die Art, wie meine Mutter ständig unter dem Zwang stand, die Wohnung und sich selbst umzudekorieren, stieß mich ab. Obwohl mein Vater gut verdiente, war so das Geld immer knapp. Das Scheitern ihrer Ehe schien Ausdruck einer inneren Leere zu sein, die sich nicht kostümieren ließ.
Aufregung bereitete der Untergang der „Andrea Doria“ im Atlantik, dagegen erhebliche Langeweile Filme wie „Sissy, die junge Kaiserin“. Die zeitgenössische Musik erreichte Tiefstpunkte mit „Heimweh“ von Freddy Quinn.
Schulzeit bedeutet Entwicklung nach Plan. Festgelegte Ziele müssen in bestimmten Phasen erreicht werden. Besonders der Sport-Unterricht vermittelt dem Spätentwickler auf darwinistische Weise dessen soziale Einordnung. Meine Leistungen sind dürftig. Ich gelte als ängstlich und wasserscheu.

wangerooge57

Die CDU/CSU erringt 1957 unter Adenauer die absolute Mehrheit. Bevor auch noch das deutsche Segelschulschiff „Pamir“ versinkt, halte ich mich vorübergehend auf Wangerooge auf, wo ich trotz stundenlangen Nasenblutens wesentlich leichter als im Sport-Unterricht das Schwimmen erlerne, mich aber weiterhin vor dem Reiten fürchte.

fruekunst

Jetzt ärgert sich sogar Brecht über die sozialistische Kritik am Formalismus. Ich fange an, ab und zu in künstlerischer Betätigung zu versinken. Auch wird auf dem Foto deutlich, wie meine Aversion gegen Friseure entstand. Leute mit merkwürdigen Frisuren, wie Kim Jong Un, Donald Trump und Sascha Lobo, erregen heute noch mein Mißtrauen.

Ein Gedanke zu „Die 50er Jahre II

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