Die 50er Jahre III

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1958 gewinnt der Boxer Bubi Scholz die Europameisterschaft im Mittelgewicht, und Armin Harry läuft 100m in 10 Sekunden, was ich nie schaffe, weil ich so spiddrich bin. In einer bundesweiten Kampagne gegen „Schmutz- und Schundliteratur“ kommt es wieder zu organisierten Bücherverbrennungen. Vorerst noch unbewußt ergreift mich die Liebe zu Flora und Fauna. Auch meine Wellensittiche mögen Bambus. Meinem Goldhamster „Spaltohr“ bringe ich das Seiltanzen bei.
Ich werde schwierich: Als ich mich in Tirol einer heißen Morgenmilch mit Haut verweigere, muß ich einen ganzen Tag hungern, bis mir nachts schwindelich wird, und ich wenigstens einen Tütenrest Kekskrümel bekomme. Dafür besitze ich nun einen echten Tiroler Hut aus Innsbruck, an den ich kleine Wappen anstecke von Orten, die ich in Österreich besucht habe. Es sind die letzten Jahre, in denen es noch schöne Autos gibt.

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1959 läutet Heinrich Lübke als Bundespräsident das Zeitalter der Real-Satire ein. Komiker werden überflüssig. Man kann ihm stundenlang zuhören. Hula-Hoop-Reifen kreisen um weibliche Hüften. „Die Blechtrommel“ von Günter Grass erscheint, und ich suche mir später heimlich die schweinischen Stellen raus. Aufklärung findet nicht statt. Wolff Vostell entwirft ein absurd-kritisches Spiel zur Bewußtwerdung über die Massen-Beeinflussung durch TV, das in unser Wohnzimmer erst spät in den 60ern einzieht. Außer auf Norderney habe ich keine Ahnung, an welcher Stelle meiner Geschichte ich mich befinde. „Das Sichfallenlassenkönnen in Aufschwungkräfte gehört zu den Erfahrungen der wenigsten; das Umzingeltsein von Verhältnissen, die den Horizont verstellen, zu denen der meisten.“ (Peter Sloterdijk, „Weltfremdheit“). Jedenfalls will ich, lieber als Wanderer im Harz (Okertalsperre), Seefahrer mit weitem Horizont werden. Auch beim Rodeln wird es mir zu eng, und ich breche ich mir das Bein.

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Schon gleich nach meiner Geburt war ich allein. Jeder ist allein mit sich selbst. Ich habe es allerdings erst sehr viel später bemerkt, denn meine Eltern und Großeltern kümmerten sich so gründlich um mich, daß es mir zuerst sehr schwerfiel, mit der rauhen Wirklichkeit des Draußen zurechtzukommen, so gut schirmten sie mich ab. Ich erinnere mich noch deutlich an das Gefühl, einfach nicht in diese mich umgebende Gesellschaft hineinzupassen. Bosheit, Betrug und Dummheit überraschten und bestürzten mich, und ich weiß bis heute nicht, was man dem entgegensetzen soll. Verhält man sich selbst nicht so, wird man als Narr eingestuft, mißbraucht und überrollt. 15 Jahre später kam ich zu dem Ergebnis, daß ich mein Alleinsein nur anzunehmen hatte, um zufrieden leben zu können. Ich hätte dabei bleiben sollen, aber da war doch immer dieses Sehnen nach der idealen, lebenslangen Zweisamkeit.

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An dies erinnere ich mich, wenngleich auch nich an alles. Vieles, was mir wiederfuhr, werde ich verdrängt haben, weil es nich richtich war, obwohl mir damals deuchte, es sei es. Auch erinnere ich mich an das, was man dagegen einwandte, obwohl ich es für richtich hielt. Aber wenn es falsch war, so isses doch richtich, daß ich mich daran erinnere, sofern ich es nich vergessen hab. Ich erinnere mich auch, wie ich es schon eingesehen hatte, wie falsch es war, und ich es dennoch tat. Wenn ich mich erinnere, so auch, wie es ganich falsch war, und ich es als richtich angesehen hatte, was als falsch bewertet wurde, obwohl es richtich war. Heute habe ich es verstanden, damals aber nich. Doch dachte ich in jener Zeit, daß ich es verstanden hätte, was ich heute nich mehr begreife. Ich erinnere mich auch, wie ich geglaubt habe, daß ich mich später daran erinnern würde, wie ich geglaubt hatte, ich würde mich heute daran erinnern. Dabei hab ich es vergessen. So glaube ich heute, ich werde mich später daran erinnern, wie ich heute glaube, ich würde mich künftich daran erinnern. Augustinus von Hippo ging das ebenfalls so. Wichtich iss, daß man nix falsch macht. Doch das weiß man immer erst hinterher, was falsch war. Man müßte seine Entwicklungs-Zeit mit voll ausgeprägtem Bewußtsein wiederholen können. Noch wünschenswerter wäre, daß einem der eigene Körper nicht von Anfang an zur Plage wird, sondern sich das auf die Endphase beschränkt.

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