Völkermord

suedwestgraeber

Völkermord ist es also seit Juli 2015, was sich in Deutsch-Südwestafrika abgespielt hat. Was für ein Land, das stark verspätet aber ehrlich mit seiner Geschichte umgehen kann! Tun das Franzosen, Engländer und Holländer auch?
In einem edel gebundenen Buch von 1906 finde ich Kritik der Ereignisse nur angedeutet: „Peter Moors Fahrt nach Südwest – Ein Feldzugsbericht“ von Gustav Frenssen (1863-1945). „Der deutschen Jugend, die in Südwestafrika gefallen ist, zu ehrendem Gedächtnis.“
Der Hamburger Peter Moor wollte als kleiner Junge Kutscher oder Briefträger werden. Als großer jedoch nach Amerika oder Seemann, landet stattdessen zuerst am Amboß in seines Vaters Werkstatt. Doch gibt es da noch die Möglichkeit, einmal „auf Reichskosten übersee“ zu kommen – als Seesoldat. Seinem Vater gefällt das, der Mutter nicht. Er meldet sich als Freiwilliger beim Seebataillon in Kiel und ist gerne Soldat. Doch im Januar 1904 ruft die Menschlichkeit – nein, nicht nach Afghanistan, Libyen oder Mali: „In Südwest-Afrika haben die Schwarzen feige und hinterrücks alle Farmer ermordet, samt Frauen und Kindern. Schlesier und Bayern und aus allen anderen deutschen Stämmen, und auch drei oder vier Holsteiner … Wir müssen hin! … um an einem wilden Heidenvolk vergossenes deutsches Blut zu rächen.“ Obwohl der Einsatz überwiegend abgelehnt wird, findet er in der Bevölkerung viel Interesse: „Der Platz vor dem Bahnhof war schwarz von Menschen.“
Die Realität in Afrika ist von Hunger, Durst, Dreck, Hitze, Kälte und Lebensgefahr geprägt. Ursachen des Aufstandes werden deutlich: „Sie waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu landlosen Arbeitern zu machen; da empörten sie sich. Sie taten dasselbe, was Norddeutschland 1813 tat. Dies ist ihr Befreiungskampf … Es wären Missionare hier, die sagten: ‚Ihr seid unsere lieben Brüder in dem Herrn, und wir wollen Euch diese Güter bringen: Glauben, Liebe und Hoffnung,‘ und es wären hier Soldaten, Farmer und Händler, die sagten: ‚Wir wollen Euch Euer Land und Euer Vieh so allmählich abnehmen und Euch zu rechtlosen Arbeitern machen.‘ Das ginge nicht nebeneinander … es wäre das Beste, wenn die Kolonie an die Engländer verkauft würde, die Deutschen seien wohl brauchbare Soldaten und Farmer, aber von der Verwaltung der Kolonien verständen sie nichts.“
Dann wird es immer ernster: Merkwürdig viele Tote und wenig Verwundete. „Sie machen keine Gefangenen. Wir tun’s ja auch nicht.“ Peter wird im heftigen und konfusen Kampf am Arm verwundet, Kameraden sterben qualvoll an ihren unversorgten Verletzungen. Schließlich ist jeder vierte Mann an Typhus erkrankt, und man muß sich zurückziehen. Einer der Schwerkranken, ein Nürnberger, ist am Ende seiner Reiselust. Als Fünfzehnjähriger war er aufgebrochen, hatte Samoa, Nord- und Südamerika kennengelernt, in Australien Gold gesucht, den Buren gegen die Engländer geholfen und war von jenen auf Ceylon interniert worden. „Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit dahin, wahllos einem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemüts zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen … Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Leben nicht in der Hand behält.“
Peter erholt sich wieder, und mit Kanonen und Maschinengewehren wird man Herr des Kampf-Getümmels. Man folgt einer ungefähr 100m breiten Spur der geflüchteten Feinde: „Ein entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte drückend die heiße, stille Luft … Und da lagen Verwundete und Greise, Weiber und Kinder.“ Die Wasserlöcher voll mit Kadavern. Ein uniformierter Pastor mit goldenem Kreuz bringt alles wieder ins Lot: „Ein Naturvolk habe sich gegen die Obrigkeit erhoben, die Gott ihm gesetzt hätte.“ Ein Oberleutnant nimmt das ernst: „Der Missionar sagte einmal zu mir: ‚Mein Lieber, vergessen Sie nicht: die Schwarzen sind unsere Brüder;‘ nun will ich meinem Bruder seinen Lohn geben.“ Er läßt einen Gefangenen weglaufen und schießt ihm dabei in den Rücken. „Sicher ist sicher. Der kann kein Gewehr mehr gegen uns heben und keine Kinder mehr zeugen, die gegen uns kämpfen … Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie 200 Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben … Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind. Das will aber nicht viel sagen gegenüber diesem schwarzen Volk; sondern wir müssen sorgen, daß wir vor allen Völkern der Erde die Besseren und Wacheren werden. Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit.“

Postkarte: „Kolonialkriegerdank – Deutsche Soldatengräber in Südwestafrika; Verein ehemaliger Kolonialkieger der Armee, Marine, der Schutz- und Polizeitruppen sowie deren Hinterbliebenen“

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