Kamele unterwegs

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„Die Probleme uns scheinbar ferner, armer Länder wurden durch direkte oder mittelbare kolonialistische Gewalt bewirkt.“
Julia Berlinghausen, 1984

Monokausale Erklärungen sind sowieso eine Vorliebe der schlecht Informierten. Diese sollte inzwischen endgültig im Papierkorb für historische Fehleinschätzungen gelandet sein. Wie sehr sich z.B. die Inder nach wie vor selbst auf den Füßen stehen, hat Robyn Davidson (*1950) sehr eindrucksvoll in „Unter Nomaden“ (1996) beschrieben – jetzt, nach 16 Jahren Indonesien, mit Interesse wiedergelesen und mit eigenen Erfahrungen verglichen.
Wie schon in ihrer Heimat Australien, versuchte sie Teile Rajasthans auf Dromedaren allein zu durchqueren. Dies mißlingt größtenteils, doch kommt dabei ein spannendes Buch heraus – nicht unwichtig für Robyns materielles Überleben. Besonders interessant waren für mich nun die Parallelen zu Indonesien, etwa das Klo-Verhalten: „Die Welt ist und bleibt entzweit in Kulturen, in denen man seine Exkremente anfaßt, und in solche, in denen man es vermeidet.“
Die charakteristische Fehleinschätzung der Touristen, „die romantische Auffassungen vom Reisen hegen oder die sich, voller Sehnsucht nach der davon erhofften Freiheit, wünschen, auch sie könnten alte Jobs, Ehemänner, Verantwortlichkeiten abschütteln und wildere Breiten ansteuern, in denen – wie sie glauben – sowohl das Leben als auch sie selbst ganz anders, das heißt, besser wären,“ und die dem Lächeln als Ausdruck besonderer Freundlichkeit zum Opfer fallen, wird von einem Rabari-Nomaden, mit denen die Abenteurerin mitziehen muß, richtiggestellt: „Wir bitten dich höflich, den Fuß zu heben, damit wir den Stein aufheben können. Dann schlagen wir dir damit den Schädel ein.“ Robyn kann schon deshalb nicht solo reisen, weil sie nicht gleichzeitig auf ihre Tiere und ihr Gepäck aufpassen kann. Trotzdem wird sie immer wieder bestohlen und ausgenommen „wie eine Weihnachtsgans“. Durch Strapazen erkennt sie auch, „wie verweichlicht ich war und wie mißmutig, im Grunde ähnlich wie diese alten Frauen in den Pflegeheimen – so, wie man nun wirklich nicht werden möchte. Anders als meine Gastgeber mußte ich erst noch lernen, auch im Angesicht bitterster Not fröhlich zu bleiben. Es gelang mir nicht wie von selbst. Manchmal schien es mir, als bestünde ich nur noch aus Unzufriedenheit und Verzweiflung, als tobe ein Sturm in meinem Inneren, der nach Entladung suchte. Zu solchen Zeiten kam mir ihr Gelächter gefühllos vor, und ich haßte sie.“ Geduldig und tolerant sind die Inder nur, solange sie die Fassade aufrechterhalten können. Stürzt jene im Überdruck ein, quillt der Wahnsinn aus allen Poren.
Was an Positivem bleibt, sind Augenblicke. Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, ist nicht das gleiche wie im Zoo. Man muß also in den Zwischenräumen zwischen variantenreichen Ungeheuerlichkeiten leben. Früher orientierten sich die Rabari, die „Pfadfinder“, nur an den Sternen, nun an Uhren und Siedlungen – inzwischen werden sie mit Telefonen ausgerüstet sein und ihre Dromedare in Facebook posten. Die Qualität ihres Orientierungs- und Organisations-Vermögens vergleicht Robyn mit einem „präzisen Mechanismus made in Germany“. Dabei sind die frei umherziehenden Herden für die Wälder Rajasthans vernichtend.
Der westliche Umweltschützer und Nostalgiker leidet unter dem Verlust von Natur und traditioneller Kultur in Entwicklungsländern. Etwa weil ausgerechnet zu meiner Zeit die malerisch mit Rindern bespannten Holzpflüge durch lärmende und stinkige Motorpflüge ersetzt wurden: „Die meisten meiner Zeitgenossen schwelgen zwar gern in früheren Epochen, sind jedoch nicht bereit, wirklich in die Vergangenheit zurückzukehren und ihre Bequemlichkeit aufzugeben. Sie hätten es gerne, wenn einige Menschen in diesen früheren Zeiten verblieben (ob diese das wünschen oder nicht), auf daß sie selbst gelegentlich zu Besuch kommen können, immer natürlich unter der Option, sich, wenn es zu anstrengend wird, wieder davonzumachen.“
Entscheidend für den weitgehenden Mißerfolg ihres Projekts ist die Sprach-Barriere. Endlose Mißverständnisse und die weite Kluft zwischen angelernten Vokabeln und deren korrekter Aussprache wirken frustrierend auf Robyn. Außerdem ist sie auch gern allein – was einfach nicht vorgesehen ist in der indischen Alltags-Kultur. So wird sie überall von schnell wachsenden Mengen aus Neugierigen umringt, angeglotzt, bedrängt und im günstigsten Fall nicht mit Steinen beworfen, sondern Mann kratzt sich nur am Sack.
Läßt sich solch eine fremde Kultur mit universell gültigen Maßstäben bewerten? Etwa die brutale Ausbeutung untereinander oder wuchernde Korruption, die alle Reform-Ansätze im Keim erstickt? Wer ist schuld an der hemmungslosen Vermehrung der Weltbevölkerung, die mit jeder zusätzlichen Geburt Armut und Umwelt-Zerstörung vervielfältigt? Der kinderlosen Robyn fällt es schwer, ihren „Abscheu vor der menschlichen Gattung, vor dieser sinnlosen Vermehrung zu unterdrücken“.
„Ich betrachtete die Pferde und fragte mich, wie lange es wohl noch dauerte, bis sie hinweggefegt und durch einen McDonald’s oder einen Fernseher ersetzt würden. Ob der indische Genius stark genug war, sich dem homogenisierenden und betäubenden Prinzip der modernen Welt zu widersetzen, das uns mit trivialen Nichtigkeiten überschwemmt und unseren Wunsch nach Reisen, Forschen und kritischer Auseinandersetzung erstickt, weil wir bald überall dasselbe vorfinden werden: einen globalen Friedhof.“
Doch hat die Erfahrung Indiens sie nicht losgelassen: „Denn dort, wo ich herkam, war das Leben nicht schwer oder auch nicht gefährlich genug, um dem einzelnen Größe abzuverlangen. Hier war Größe immer noch möglich.“

3 Gedanken zu „Kamele unterwegs

  1. Ich kann’s mir vorstellen, Henning, aber doch nur von den geistigen Touristen, die überall und nirgends unterwegs sind. Und ein Rassismus-Vorwurf wäre allein schon von meiner Biographie her absurd.

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