Aufreizung zum Klassenhaß

andrewsgainsborough

Als Thomas Gainsborough (1727-88) Robert Andrews und Frances Mary Carter 1749 mit Öl auf Leinwand malte (National Gallery, London), waren die beiden gerade 1 Jahr verheiratet, und man sieht ihnen die Langeweile schon an. Die Ehe von Robert (22) und Frances (16) war bereits 7 Jahre vorher aus wirtschaftlichen Gründen verabredet worden. Entsprechend dösich kucken beide und warten auf die Erfindung der Eisenbahn. Sie sind sich auch auffallend ähnlich – die gleichen Glubschaugen – was bei der englischen Insel-Lage niemanden verblüffen kann.
Nur der treu-domestizierte Hund wirkt noch lebendich. Ein Rüde, wie man feststellen kann, weil er keine Hose anhat. Links treiben sich im Hintergrund einige Rinder herum, rechts wird die ferne Weide von Schafen punktiert. Man befindet sich auf dem ausgedehnten Besitz der reichen Familie Andrews, die ihr Vermögen u.a. durch Geld-Verleih und Handel mit den Kolonien erwarb, nun ergänzt durch das marode Textil-Gewerbe der Familie Carter. Die Eiche soll sogar noch vorhanden sein.
Robert hat gerade versehentlich einen seiner Treiber erschossen, den man rechts unta den Korngarben versteckt hat, damit er die Komposition nich stört. 3 den Vorfall überlebende Bauern schafften die Rokoko-Bank, auf der Frances Platz genommen hat, mit einen Pferdewagen vor die Eiche. Jetz sindse schon wieda wech, um was anderes zu heben, ebenso wie die Kutsche, mit der Frances zu der Bank gefahren wurde, weilse mit ihren spitzen Zierschuhen nich durchen Matsch gehen kann. Deshalb wird auch nich weita geerntet, obwohl das Wetta trocken iss.
Der aufgebauschte Rock von Frances – laut William M. Thackeray soll es Coralie de Langeac mit ihrem Reifrock sogar auf 18 Fuß Umfang und mit ihren Schuhabsätzen auf 3 Zoll gebracht ham – verhüllt einen beleuchtbaren Holzkasten, den Gainsborough dazu benutzte, transparente Bilda zu zeigen. Dagegen liehen sich die Bauern die tragende Untakonstruktion des Rocks zum Aufstellen ihrer Garben aus und hamse nich rechtzeitich zurückgegeben.

durchleucht

Übahaupt hatte der 22jährige Gainsborough gakeine Lust zur Porträt-Malerei. Er haßte es sogar, Gesichter zu malen. Sie bildete für ihn lediglich eine solide wirtschaftliche Existenz-Grundlage. Das erklärt auch, wie die Landschaft in diesem 69,8 x 119,4 cm großen Gemälde in den von ihm bevorzugten warmen Farben „gegerbten Leders“ allein mehr als die Hälfte des Bildes für sich beansprucht, obwohl dafür in England zu jener Zeit keinerlei Interesse bestand. Naturdarstellung galt als vulgär, man konsumierte sie nur in idealisierter Form. So gab er das Studium in der freien Natur auf und baute sich im Atelier statt dessen eine Modell-Landschaft mit Sand, Kork, Moos, Spiegelscherben und Spargel-Sprößlingen, um der Gefahr der Naturnachahmung zu entgehen. Deshalb sieht man zum Horizont hin auch eine Menge Brokkoli, obwohl von den Auftraggebern hier sicher eine wiedererkennbare Situation des eigenen umfangreichen Landbesitzes gefordert war.
Was im Schoße der Dame wie Papier und Feder wirkt, ist anscheinend unbearbeitete Leinwand. Sollte hier später ein von ihr verfaßtes Haiku eingefügt werden über ihr Empfinden ruhiger Harmonie, anderen bei der Arbeit zusehen zu können? Oder ein Baby? Wahrscheinlich sang sie auch falsch. Einigermaßen beunruhigen muß den heutigen Betrachter dagegen das völlige Fehlen von Sende-Masten, Hochspannungs-Leitungen, Bohr-Türmen und Smartphones, die Gainsborough ja mit Fischgräten und Hutnadeln in seine Modelle hätte einfügen können.

Ein Gedanke zu „Aufreizung zum Klassenhaß

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